Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 28.1917

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BEITRAGE ZUR GESCHICHTE DER BERNSTEINKUNST

VON DR. OTTO PELKA

VORBEMERKUNG

DIE europäische Bernsteinkunst hat bis jetzt
keine zusammenfassende geschichtliche Dar-
stellung gefunden.1) Die Absicht, auf ausge-
dehnter urkundlicherGrundlage dieses kunstgewerbliche
Sondergebiet der Forschung zugängig zu machen und
den gesamten künstlerisch wertvollen Denkmälerbestand
zu sammeln und nach kunstgeschichtlichen Gesichts-
punkten zu sichten, hat der Krieg mit seinen unaus-
bleiblichen Folgeerscheinungen unmöglich gemacht;
denn da die bedeutendsten Sammlungen sich im feind-
lichen Auslande befinden, ist ihre Benutzung in ab-
sehbarer Zeit für die deutsche Forschung ausgeschlossen:

1) Die deutsche Literatur hat sich, trotzdem der Bern-
stein als deutschester aller kunstgewerblichen Rohstoffe
unzweifelhaft zu gelten hat, auf dürftige Bemerkungen all-
gemeiner Natur beschränkt. Der einzige, der versucht hat,
dem Gegenstand nach der Bedeutung seines kunstgewerb-
geschichtlichen Wertes einigermaßen gerecht zu werden,
ist A. von Foelkersam in einem Aufsatze in den Starye
Gody, November-Heft 1912, S. 3 ff. (russ.)

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St. Petersburg, Moskau, Paris, London und Florenz
müssen einstweilen als Sperrgebiet gelten.

Diese Sachlage verhindert aber nicht, auf Grund des
in Deutschland vorhandenen Denkmälerbestandes das
Werk einer Reihe von Künstlerpersönlichkeiten festzu-
stellen und ihre stilistischen Eigentümlichkeiten zu um-
reißen. Es handelt sich hierbei in der Hauptsache um
Arbeiten der Barockzeit, die eine gesteigerte Vorliebe
für Bernsteinarbeiten kennzeichnet und gleichzeitig in
künstlerischer Auffassung und technischer Durchbildung
des Materiales eine vorher nicht gekannte Höhe erreicht.
Bei der zahlenmäßigen Stärke der einzelnen Bern-
steindreher- und Paternostermacherzünfte1) sollte man
eigentlich erwarten, daß die kunstgewerblichen Lei-
stungen ihrer Angehörigen größer wären, als sie es
in der Tat sind. Übersieht man die Geschichte der
Zünfte, so kommt man zu dem Endergebnis, daß das
kleinbürgerliche Handwerkerleben mit seinen Sorgen und
Nöten und die daraus hervorgehenden auf kleinlichem
Gewerbeneid beruhenden Zunftstreitigkeiten für die
Zunftangehörigen im Mittelpunkt ihres Interesses standen.
Es ist bemerkenswert, daß, soweit
die aktenmäßigen Belege ein Urteil
vermitteln, die Mehrzahl der
Innungsmitglieder auf einem recht
kaufmännischen, nur Gewinn hei-
schenden Standpunkte des Hand-
werkers standen, der in rücksichts-
losem Konkurrenzdrange vor allem
ein Absatzgebiet für die von ihm
gefertigte kurante Marktware sucht.
Die Bernsteinschnitzer und
Bernsteindreher, die sich aus der
Masse der Unbefähigten und allzu
Unbekanntenheraushebenundüber
Zunft- und Handwerkserziehung
hinaus gesteigerte Leistungen auf-
zuweisen haben, sind verschwin-
dend gering an Zahl. Ihr Kreis
wird sich vielleicht erweitern, wenn
in späterer Zeit einmal vor allem die
russischen Sammlungen eingehend
durchforscht werden können. Vor-
läufig gibt es nur, wie bereits
bemerkt, die Möglichkeit, auf

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Abb. 2. Schachbrett (Außenseite) von Michael Redlin

1) Sogenannt nach dem haupt-
sächlichen Produktionszweig, den
»Korallen« für Rosenkränze, die nicht
allein für die Mitglieder der katho-
lischen Kirchen unerläßliche Begleiter
sind, sondern in noch größerem Um-
fange von den Buddhisten gebraucht
werden. — Eine umfassende Zu-
sammenstellung von Meisterlisten
der Zünfte in Brügge, Lübeck, Stolp,
Kolberg, Danzig, Elbing und Königs-
berg werde ich im Jahrbuch des
Germanischen Nationalmuseums in
Nürnberg für 1916 veröffentlichen.

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