Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 28.1917

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IONATIUS TASCHNERS] HAUSKUNST

VON ALEXANDER HEILMEYER

RAUSSEN vor Dachau bei Mittern-
dorf auf freier sonniger Höh' steht
ein hochgiebeliges Haus. Seine
Fenster blinken und blinzeln hell
in der Morgensonne ins Land hinein.
Um das Haus ein sorgsam ge-
pflegter Garten. An schönen Tagen
konnte man darin oft einen schlichten Mann wahr-
nehmen, der im Garten beschäftigt, mit zu jeglicher
Arbeit geschickten Händen, bald da eine Blume am
Stock aufrichtete, bald dort ein Bäumchen befestigte,
das der Wind vom Pflocke gelöst hatte, oder einen
geilen Schößling beschnitt. Unentwegt ging ihm ein
munteres Spitzhündlein zur Seite, das er mit einer Gerte
folgsam hinter sich hielt. Während der Mann sich
so im Garten bewegte, schien er auf alles zu achten,
folgte aufmerksamen Auges dem Fluge des Vogels
in der Luft und der kriechenden Schnecke am Wege.
Seine Augen schienen wie die eines Jägers scharf und
sicher zu sehen und die Dinge wie ein Schütze im
Fluge zu erfassen. Und so scharf sein Nahblick war,
daß er jedes Gras an seiner eigentümlichen Haltung
erkannte, so schien auch sein Fernblick in alle Weiten
zu dringen.

Sobald der merkwürdige Mann den Kopf hoch-
hob und über das Land vor sich hinschaute, sah man
das charakteristische Profil eines edelgeformten Kopfes,
einer bodenständigen Rasse. Und dieses verstandes-
helle, durchleuchtend kluge Mannesantlitz bot ein
überraschend feines, mimisches Spiel des Ausdrucks,
ebensoviele feste, männliche als feine weibliche Züge
dar, die auf ein helles, waches Bewußtsein wie auf
ein träumerisches Innenleben schließen ließen. In
welcher Welt lebte dieser Mann? Man hätte ihn
nicht anders konterfeien können, als in dieser Um-
gebung: mit diesem Haus im Hintergrund, mit dieser
Landschaft, mit dem nahen Dorfe und der alten Dorf-
kirche, den Bauernhäusern in der Nähe, mit dem Fluß-
lauf, den Viehweiden, Äckern und Wiesen in der Ferne.
Das alles gehört notwendig mit in das Bildnis dieses
Mannes, eines deutschen Künstlers mit Namen: Ignatius
Taschner.

Der Klang dieses Namens erweckt eine Fülle
künstlerischer Vorstellungen. Eine glänzende Reihe
von Werken ersteht vor unseren Augen: Der wie ein

Wunder unserer Zeit anmutende Berliner Märchen-
brunnen, die edle charakeristische Schillerfigur für
Amerika, tektonisch strenge, aber in der Empfindung
sinnige, gemütvolle Bildhauerwerke an Messeis und
Hoffmanns Bauten in Berlin, originelle Holzplastiken,
wie der »Strauchdieb«, »Wanderer«, »Rauhbein«,
Bronze- und Silberplastik von seltener Schönheit, Me-
daillen und Plaketten, Adressen, Kunstgewerbe, Buch-
schmuck, Holzschnitte und Illustrationen u. a. Man
denkt an Taschner, den Zeichner von Grimms Kinder-
und Hausmärchen, an die köstlichen Figuren des
tapferen Schneiderleins, an die urwüchsigen Gestalten
tölpelhafter Riesen, an die geschickten, flinken Heinzel-
männchen, an den Eisenhans und die Gänseliesl.
Auf seinen Radierungen und Holzschnitten schauen
von waldigen Höhen Burgen hinab ins Tal, altfränkische
Städtlein und Dörfer erscheinen im Hintergrunde; Ritter,
Knappen und Schnapphähne reiten aus, das Glück
zu suchen, Handwerksburschen wandern auf der Land-
straße. Wieder in eine andere Welt führt uns Ignatius
Taschner als Zeichner zu Ludwig Thomas altbayerischen
Bauerngeschichten. Man sieht mit Behagen vom Fenster
eines Bauernhauses die lange Dorfgasse hinab, schaut
in gemütliche Bauerngärten, darin die Sonnenblumen
stehen, Reseden, Nelken und Gelbveigelein blühen.
Taschner saß drin in den alten Bauernstuben, sah die
alten bemalten Kästen und Truhen, las in alten Gebet-
büchern und Bauernkalendern, war ein stiller Beobachter
in Wirtshäusern, sah dort Bauern und Knechte, alte
Landstörzer, Viehhändler und Hausierer eintreten, war
bei Hochzeiten, Leichenschmäusen und Kindstaufen
dabei und erlebte alle Tages- und Jahreszeiten im Um-
kreis bäuerlichen Lebens, wie die Sonn- und Festtage
in den altbayrischen Dorfkirchen, die mit ihren ge-
weißelten Mauern und dem roten Ziegeldach so malerisch
im Grünen stehen und inwendig im Goldglanz des
bayerischen Bauernbarocks vor lauter Kirchweihfreude
strahlen.

Und so wie Taschner sich bei der Darstellung
dieses Lebens in seinen Buchillustrationen und Vi-
gnetten zu altbayerischen Geschichten und Kalender-
illustrationen der Ausdrucksweise des Holzschnittes
wie seiner eigenen Muttersprache bediente, so lebte
er in seiner Werdezeit als Plastiker und heimlicher
Gotiker im mystischen Geiste und in der strengen

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