Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 28.1917

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Wenn wir die Lage richtig überschauen, werden wir
sehen, daß Deutschland in der Ausarbeitung der Gedanken
des Morris und des Handwerks in großzügiger Weise
wirklich für uns und unsere Regierung einen Beweis für
den wirklichen Wert diesesQedankens erbracht hat. Deutsche
Staaten und Städte unterstützen den Werkbund. Warum
sollte der Staat uns nicht auch eine Unterstützung zuteil
werden lassen und uns beauftragen, das für die englische
Gütererzeugung zu tun, was der Werkbund für Deutsch-
land tat? Ein Streben nach besserer Arbeit und besserem
Leben tut uns not, nicht der fortwährende Kampf um die
auswärtigen Märkte mit geringwertiger Arbeit.

Wir können nur Fortschritte machen, wenn wir, wäh-
rend wir für den heimatlichen Bedarf produzieren müssen,
entschlossen sind, die Mißstände unserer gegenwärtigen
Produktionsweise auszumerzen, Mißstände, die unvermeid-
lich mit der Erschließung neuer Industriegebiete nach den
durch die bestehenden Begriffe gegebenen Richtlinien ver-
bunden sind.

Glücklicherweise haben wir die Mittel zur Abhilfe in
in der Hand. Sie liegen in der Wiederbelebung des Hand-
werks. Zunächst müssen wir unser ganzes Ausbildungs-
wesen neu organisieren und es vertiefen, mehr wissen-
schaftlich und bedeutend praktischer gestalten. Wir müssen
unsere Lehrlinge zu praktischen Wissenschaftlern und Hand-
werkern heranbilden. Der Weg durch die Augen und die
Hand zum Verstand ist der beste. Ja es ist der einzig
richtige Weg, weil wir ihn schon beschritten haben.

Und er kann ohne besonderen Aufwand beschritten
werden. Eine solche Reform bedarf nur des festen Willens.
Aber Nachlässigkeit auf diesem Gebiete kostet uns Mil-
lionen. Wir haben nur die in jeder Stadt und in jedem
Dorfe vorhandenen Handwerkszweige und Gewerbe als
Mittelpunkte der Handwerksausbildung zu benutzen, indem
wir die örtlich vorhandenen Praktiker zu den ersten Lehrern
machen. Wir ergänzen dann täglich diese praktische Aus-

bildung durch Erörterung der wissenschaftlichen, philo-
sophischen und geistigen Fragen, die sich in großer Anzahl
während der praktischen Übung bieten.

Es gibt keine Schule der Moral, die so gut geleitet
wird wie die Werkstatt. Eine gute Handarbeit ist nur da
möglich, wo Geist und Körper und Seele in harmonischer
Beziehung stehen in voller Kraft und Tätigkeit. Daher ist
das Handwerk einer der großen Wege zur Aufklärung.
Jede Schule müßte eine Werkstätte sein, jede Werkstätte
eine Schule. Wissen ist Plunder, wenn es nicht praktisch
angewandt wird. Deshalb müssen die Schulen der Zukunft
Schulen der praktischen Arbeit, und nicht mehr nur des
Lernens sein.

Wenn diese Reform durchgeführt wird, würden nicht
nur Ackerbau und Industrie wieder neubelebt. Das Land-
leben würde seine verlorene Anziehungskraft wiederge-
winnen, weil es dann eben Leben, und nicht ein Vegetieren
sein würde.

Der Deutsche Werkbund hat unter dem Titel »Englands
Kunstindustrie und der Deutsche Werkbund« eine Broschüre
herausgegeben, in der ähnliche Aufsätze wie der obige
vereinigt sind und schließlich von der Begründung eines
Englischen Werkbundes berichtet wird, die auf Betreiben
des englischen Handelsministeriums erfolgt ist. Die Eng-
länder lassen sich dabei weniger von ethischen oder ästhe-
tischen Beweggründen, als von wirtschaftlichen Wünschen
leiten; sie glauben, bei sich den Fehler entdeckt zu haben,
daß sie »Kunst und gesunden Menschenverstand als ge-
trennte Dinge ansahen«. Und in diesem Glauben über-
nahmen sie von uns nur die Äußerlichkeiten, d. h. aus-
geleierte Begriffe, an deren Ersetzung und Vertiefung wir
ernstlich denken müssen, wenn unser »Fortschritt« nicht
ganz plötzlich und zur großen Überraschung unserer Führer
ins Stocken geraten soll.



KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







WETTBEWERBE

Karlsruhe i. B. Der Badische Kunstgewerbeverein
schreibt auf Veranlassung seines Mitgliedes, des Herrn
Heinrich Weinschenk, Karlsruher Majolikamanufaktur, einen
Wettbewerb aus zur Erlangung von Entwürfen für bemalte
und plastisch verzierte Majolikavasen, Wandteller und
sonstige Gebrauchsgegenstände, die den Anforderungen
der Kunst und denen der Werkstatt gerecht werden.

1. Aufgabe, a) Vasen mit einfacher oder reicher Be-
malung; b) Vasen mit plastischer Verzierung, bemalt oder
abgetönt; c) Vasen mit Bemalung oder plastischer Ver-
zierung, die auf den gegenwärtigen Krieg Bezug nehmen;
d) Wandteller mit Bemalung derselben Art; e) Gebrauchs-
gegenstände wie Aschenteller, Briefbeschwerer usw. mit
Malerei oder plastischem Schmuck. Die Zeichnungen und
Modelle sind in natürlicher Größe und zwar für die Vasen
in 10, 20, 30 cm Höhe, für die Wandteller bis zu 30 cm
Durchmesser einzureichen, jeder Entwurf nur in einer der
obengenannten Größen.

2. Das Preisgericht bilden die Herren Professor Her-
mann Göhler, Professor Georg Schreyögg, Professor Wil-

helm Süs, Architekt Wilhelm Vittali, Maler Heinrich
Weinschenk.

3. Preise. Für die drei besten aller eingesandten Wett-
arbeiten sind ausgesetzt: ein erster Preis von 250 Mark,
ein zweiter Preis von 150 Mark, ein dritter Preis von
80 Mark. Das Preisgericht ist berechtigt, gegebenenfalls
die Summe der ausgesetzten Preise anders zu verteilen.
Außerdem verpflichtet sich die Manufaktur Weinschenk,
fünf weitere Entwürfe zum Preise von je 25 Mark anzu-
kaufen und zwar drei auf Vorschlag des Preisgerichts und
zwei nach eigenem Ermessen. Sowohl die preisgekrönten
wie die angekauften Entwürfe werden ausschließliches
Eigentum der Firma Heinrich Weinschenk. Alle Rechte
daran tritt der Urheber an die Firma ab.

4. Verpackung. Zeichnungen sind ausnahmslos un-
gerollt, plastische Modelle sorgfältig verpackt einzusenden
und mit einem Kennwort zu versehen. Dieses Kennwort
muß sich auf einem Umschlag wiederholen,derName,Stand,
Wohnung und Wohnort des Urhebers zu enthalten hat.

5. Einsendung. Bedingung für die Teilnahme am Wett-
bewerbe ist, daß der Einsender geborener Badener oder
in Baden ansässig ist und daß er seine Arbeiten selbst

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