Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 28.1917

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sich viele charakteristische Uhren und Uhrenschlüssel,
namentlich aus den napoleonischen Tagen, Rahmen-
broschen mit Haaren und Miniaturen, dann eine fast
vollständige Entwicklung des Fingerringes: Vom
schweren silbernen Bauernring oder dem Empire-
Haarring mit Gold bis zu den emaillierten Glaube-
Liebe-Hoffnung-Ringen oder den massigen Siegel-
ringen aus der Zeit unserer Großväter und auch
darüber hinaus. Auch die Armbänder, namentlich
die Gliederarmbänder (Abb. 6), ließen die vollständige
Entwicklung von der Empirezeit bis in die Tage des
zweiten Rokoko hinaus deutlich studieren, obwohl
man über die dünnen Goldblecharbeiten der späteren
Zeit auf diesem Gebiete weniger entzückt sein mag,
als dies bei Ohrgehängen (Abb. 8) der Fall ist, da
man hier die Erzeugnisse möglichst leicht haben will.
Ketten aus Gold und Silber, Mosaik- und Granat-
schmuck aller Art, ferner Objekte aus Elfenbein, Bern-
stein und anderen ähnlichen Stoffen, vervollständigen
das Gesamtbild, zu dem noch zahlreiche Münzen,
Medaillen, Orden, ja selbst Stickereien und militärische
Schärpen, deren Gold- und Silberbestandteile noch ge-
wonnen werden können, hinzugefügt werden mögen. ■—
Unechtes Material war ja diesmal grundsätzlich aus-
geschlossen. Desungeachtet wurden auch verschiedene
nur vergoldete oder versilberte Gegenstände eingeliefert,
von denen wenigstens ein kleiner Bruchteil auch noch
erhalten wurde. Dazu gehört die kleine Gruppe jener
Broschen und Armbänder, die leider aus den mitunter
ganz reizvoll gebildeten alten Spindeluhrkloben zu-
sammengestellt worden ist, als durch die Verbreitung
der Remontoir-Taschenuhren, die Spindel- und anderen
Uhren in größeren Mengen auf den Altmetall-Markt
geworfen wurden. Eine problematische Gruppe bildet
auch den Anhang der Haararbeiten, die nur soweit

als sie gute Goldbeschlagteile aufweisen, in die Aus-
stellung gehören. Die vielen Uhrketten, Armbänder,
aber auch Ohrgehänge, Broschen und dergleichen
mögen für die Person, der sie gewidmet waren, be-
sondere Pietätswerte enthalten haben; für jeden Dritten
sind sie einfach unappetitlich, obwohl sie leider heute
immer noch nicht ausgestorben sind. In dieser Hin-
sicht zeigt die Ausstellung von einer größeren Gruppe
guter Rahmenbroschen, wie man ein Mosaik von
Haaren nahestehender Menschen verwenden kann,
ohne gegen den guten Geschmack zu verstoßen.

Mit den Ergebnissen der Ausstellung kann man
aber auch in anderer Beziehung vollständig zufrieden
sein. Die wissenschaftliche Ausbeute war recht an-
sehnlich, da durch die Sammlung des Vaterlandsdankes
eine ganze Reihe bisher unbekannter Beschaumarken
und viele Meistermarken festgestellt werden konnten. —
Das wichtigste Resultat der ganzen Unternehmung
bleibt jedoch das gute materielle Erträgnis. Die wich-
tigsten älteren Gegenstände haben sich das Landes-
gewerbemuseum von Stuttgart, wie die Museen von
Biberach und Gmünd, ja auch andere fernerliegende
Sammlungen gesichert. Noch erfreulicher ist der
rege Wettbewerb, den die sonstigen Liebhaber und
Käufer entwickelten und der dem gegebenen Zwecke
noch um so größere Summen zuführen wird, als die
Geschäftsleitung des Vaterlandsdankes, wie man hört,
im Herbst noch eine Fortsetzung der Ausstellung
plant, zumal inzwischen ungemein viele andere Gegen-
stände aus den einzelnen städtischen Sammelbezirken
des ganzen Landes nachträglich eingelaufen sind und
eben gesichtet werden. Ein guter materieller, wissen-
schaftlicher und künstlerischer Erfolg, — also drei
Fliegen auf einen Schlag!

KUNSTGEWERBLICHE SYMBOLIK

VON HUGO HILLIQ

IV.

SCHRIFTSYMBOLE

WIR brauchen nur daran zu denken, wie die Hiero-
glyphen der Ägypter aussahen, um zu erkennen,
daß auch der Entwicklungsgang der Schrift den
Umweg über das Symbol gemacht hat. Unsere Gebrauchs-
schrift von heute hat allerdings, soweit sie nur aus Lautzeichen
besteht, diese symbolische Bedeutung nicht mehr, dennoch
aber enthält sie noch eine ganze Reihe symbolischer Ele-
mente, so z. B. Ausrufezeichen und Fragezeichen, die mehr
als bloße Interpunktion, ferner aber die Zahlen, die noch
durchaus Begriffssymbole sind, wenn wir sie zunächst auch
nur als Schriftzeichen ansehen. In der Mathematik, in der
Chemie, in der Physik, in der Statik, im Verkehr (Eisen-
bahnsignale, internationale Automobilwarnungszeichen usw.
sind schriftzeichenartige Symbole ebenfalls neben der Schrift
und doch in deutlicher Abgrenzung davon gebräuchlich.
Sie sind, hier stoßen wir wieder auf eine beiläufige Eigen-
tümlichkeit des Symbols, dem Eingeweihten verständlich
und sie lösen durch ein einfaches, abgekürztes Merkzeichen

eine Reihe von Vorstellungen aus, ohne dabei zur Allegorie
zu werden. Noch mehr muß das aber gelten, wo das
schriftliche Symbol nicht nur einen mathematischen Wert-
begriff oder einen methodischen Gang, nicht nur eine
chemische Zusammensetzung ausdrücken, sondern einen
Komplex sittlicher, geschichtlicher oder künstlerischer Emp-
findungen anregen will.

Besonders finden sich solche Symbole in der kirch-
lichen Kunst, also in der religiösen Symbolik vor. Hier
gibt es sogar noch eines, das in seiner Bedeutung eng mit
der Schriftgeschichte zusammenhängt. Es ist Alpha und
Omega. Dieses Symbol stammt aus dem griechischen

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