Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 28.1917

Seite: 90
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Der Mörteluntergrund war feucht, und es bestand somit die
Gefahr, daß die Farben bald durch die Feuchtigkeit zerstört
sein würden. Um dieses zu verhüten, überstrich der Künst-
ler die Bildfläche mit einer Mischung aus gesättigtem Kalk-
wasser und Milch. Der Erfolg war überraschend. Trotz
der für die Haltbarkeit ungünstigen Bedingungen — feuchter
Untergrund — litten die Farben nicht, sie waren trocken,
hart, gleichsam verkieselt.

Wie können wir uns diese interessante Erscheinung
erklären?

Das kolloidal gelöste Eiweiß vermag Farbstoffe auf
geeignete Körper unter Bildung unlöslicher Farblacke nieder-
zuschlagen, diese Eigenschaft benutzt die moderne Farben-
industrie zur Herstellung von Kaseinfarblacken. Ein Bei-
spiel sei angeführt: 10 Teile fein gemahlene Porzellantonerde
(chemische Zusammensetzung, kieselsaures Aluminium)
werden zunächst nach und nach mit 20 Teilen lauwarmem
Wasser und dann mit 80 Teilen einer kolloidalen Kasein-
lösung (10 Teile Kasein, 20 Teile Wasser, 1—2 Teilen
Ammoniak) zu einem Teig verrieben, hierauf 100 Teile
Farbstoff lösung 5:100 zugegeben und nach inniger Mischung
bis zu zwei Teilen Doppelchlorzinnlösung. Durch die
Chlorzinnlösung wird der kolloidale Zustand der Eiweiß-
lösung zerstört. Die mikroskopisch feinen Kaseinteilchen
umhüllen den Farbstoff und schlagen ihn auf den Lackteil-
chen nieder. Die Porzellantonerde ist gleichsam der Unter-
grund, mit diesem geht das Kasein eine in Wasser unlös-
liche Verbindung ein. So lassen sich alle Anilinfarbstoffe,
saure wie basische, fällen. In ganz ähnlicher Weise wurden
die Farben des Freskos auf dem Untergrunde fixiert. Da
anorganische Farben vorlagen, kann man nicht von der
Bildung von Farblacken sprechen, wenn auch infolge der
langsam erfolgenden Verkieselung Farbkörper gebildet
werden, die den Emailfarben nahe stehen und die man
treffend als Kaseinsilikatfarben bezeichnen kann. Es findet
eine innige Verbindung statt zwischen dem Kalk der Kiesel-
säure und dem Eiweiß, derart, daß der Kalk das bindende
Glied bildet.

Nachdem wir uns die bindende und die konservierende
Wirkung des Kasein vergegenwärtigten, verlohnt es sich,
auf die Bedeutung des Bindegliedes etwas einzugehen.

In der Kaseinmalerei ist es immer von Bedeutung, daß
ein Stoff vorhanden ist, welcher mit dem Kasein und der
Farbe sich bindet. Als solche bindende Stoffe kommen in
erster Linie für die Dekorationsmalerei das mit dem Eiweiß
sich chemisch verbindende Kalkhydrat in Betracht, wie wir
sahen, ferner Aluminiumsilikate (Tonerde) und endlich
Mörtel (eine Mischung von Kalk und Sand) sowie Zement.
Die Stoffe können der Kaseinfarbe zugesetzt werden, ich
verweise auf die in der Ruhmeshalle in Berlin von Prof.
Gesellschap in Kalktempera ausgeführten Wandbilder; sie
können dem Untergrund einverleibt werden, ich erinnere
an die vorzüglichen Arbeiten des Düsseldorfer Malers Fritz
Gerhard, sie können endlich in der Farbe selbst und im
Untergrund vorhanden sein.

Im Prinzip beruht die Kaseinmaltechnik auf der Eigen-
schaft des Käsestoffes der Milch, mit den Farben, ganz
gleich ob sie organischer oder anorganischer Natur sind, und
Metallen sowie Eralkaliumetallen äußerst widerstandsfähige
Verbindungen zu bilden. Je nach der Malart, der gewünsch-
ten Farbenwirkung usw. muß dem Untergrunde und der
Zusammensetzung der Kaseinfarbe besondere Beachtung
geschenkt werden. Dem praktischen Dekorationsmaler ist
dieses bekannt, das Wesen der Malerei, das wir uns kurz
klar machen wollten, wird durch die Einzelforderungen,
die jeder Fall stellt, nicht berührt. Zum Verständnis der
Erscheinungen ist es nicht erforderlich, auf die besondere
Präparierung des Untergrundes auf die von Fall zu Fall
zu bestimmende Wahl des Bindemittels und andere Fragen
der Technik einzugehen. Auch die konservierende Wirkung
der Desinfektionsmittel, wie z. B. Karbolsäure und Formal-
dehyd, braucht uns nicht weiter zu beschäftigen, da sie die
Erscheinungen, die wir uns vergegenwärtigten, nicht beein-
flussen, nur sei zum Schluß erwähnt, daß das Formaldehyd,
welches in zirka 40% iger Lösung als Formalin verwendet
wird, sich mit dem Kasein wie mit jedem Eiweißkörper zu
einer durchaus unlöslichen Verbindung vereinigt.

ALBRECHT KURZWELLY

PROFESSOR Dr. Albrecht Kurzwelly ist am 8. Januar
im 49. Lebensjahr verschieden. Seit Jahren litt er
an einem Gallen- und Herzleiden. Wie schwer es
ihm in den letzten Jahren auch wurde, so hielt er sich
doch heroisch auf seinem Posten, und hat mit der Schöpfung
des Leipziger Stadtgeschichtlichen Museums ein Werk
hinterlassen, an dem sein Name haften bleiben wird. Im
vorigen Herbst hatte er die letzten Abteilungen des in
mehrjähriger Arbeit entwickelten Museums eröffnet, dann
begab er sich zu einer Kur nach Neuenahr, die ihm vor-
übergehende Erleichterung von seinem Leiden brachte.
Neue Pläne, wie er die Schätze, die er geordnet und ge-
sammelt hatte, nutzbar machen könnte, Ausstellungsvor-
bereitungen, mannigfache wissenschaftliche Studien trieben
ihn wieder zu emsiger Arbeit. An einer Untersuchung über
die deutschen Bildteppiche des 16. Jahrhunderts, die er für
die Deutsche Gesellschaft für Kunstwissenschaft zu ver-
öffentlichen übernommen hatte, war er noch beschäftigt
am Tage bevor er einem Gehirnschlag erlag.

Mit Kurzwelly ist ein tüchtiger Museumsmann dahin
gegangen, der seine besondere Aufgabe am rechten Ende
anzufassen wußte und sie in vortrefflicher Weise durch-

geführt hat. Seit 1868 bestand in Leipzig ein Verein für
die Geschichte Leipzigs, der den Grund zu einer nach und
nach stark vermehrten Sammlung von stadtgeschichtlichen Er-
innerungen aller Art zusammengebracht hatte, die schließlich
in den engen Räumen des alten Johannishospitals aufgestellt
worden waren. 1909 ging diese Sammlung in den Besitz
der Stadt über, die das alte Rathaus zur Einrichtung eines
Stadtgeschichtlichen Museums bestimmte und Kurzwelly,
der bereits mit der Übernahme und Ordnung der Vereins-
sammlungen begonnen hatte, am 1. Januar 1910 zum
Direktor des neuen Museums ernannte.

Niemand konnte für die Durchführung der neuen Auf-
gabe, die an Kurzwelly herantrat, besser vorbereitet sein
als er, der die Geschichte seiner Vaterstadt kannte und
ihre Erinnerungen liebte. Als Sohn eines Leipziger Arztes
geboren am 20. Januar 1868 hatte er die Thomasschule
besucht und auf der Universität mit theologischen Studien
begonnen. Bald ging er zur Kunstgeschichte über, studierte
in Leipzig und in München und promovierte mit einer
Studie über Georg Pencz (1895). 1895 kam er unter Pro-
fessor Zur Strassen an das Kunstgewerbe-Museum, gerade
als es in das Grassimuseum übersiedelte. In treuer Arbeit

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