Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 28.1917

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als Lehrer zu gewinnen, bleibt die persönliche Anschauung
über Stil und Ausdruckswert, wie sie in seinem Schaffen
bisher zutage traten, meist unberücksichtigt. An Stelle des
Grundsatzes, die Einheit der Stilanschauung als das höchste
Erfordernis gelten zu lassen, wird allein die aus allem
Zusammenhang losgelöste, persönliche künstlerische Be-
gabung gewertet. So konnte es kommen, daß die in der
Überlieferung wurzelnden, heimischen Grundlagen jeder
kunstgewerblichen Gestaltung, wie sie einer Stadt, einer
Landschaft, einer bestimmten Rasseveranlagung eigentüm-
lich sind, geringere Wertung erlangten, als die aus fremden
Kunstzusammenhängen eingeführte persönliche Gestaltungs-
gabe, die häufig dem jahrhundertealten überlieferten Form-
gut völlig wesensfremd gegenübersteht. Weil z. B. das
Wiener Kunstgewerbe seinen in sich gefestigten Stil hat,
der aus der rücksichtslosen, bewußten Ausmerzung alles
Fremden und Widerstrebenden hervorging und der da-
durch eine sehr bedeutende Durchschlagskraft besitzt, wur-
den an alle möglichen deutschen Kunstgewerbeschulen
Wiener oder österreichische Lehrer berufen. Jede An-
kennung des Künstlerischen ist sicherlich von größtem
Werte. Aber man kann sich nicht wundern, wenn durch
Aufpfropfung wesensfremder Keime das im heimischen
Boden wurzelnde Gewächs nun völlig seine Lebenskraft
verliert. Mit Bestimmtheit kann man darauf rechnen, auf
solche Weise eine Kunstanschauung in eine kunstärmere
Umgebung für einige Zeit erfolgreich zu übertragen. Aber
daß dieser fremde Stil, der seinem eigentlichen Kreise ent-
rissen ist, sich dauernd entfalten könne, ist kaum denkbar.
Man hat eine früher bestandene Armut wie mit einer
dünnen Tünsche überdeckt; man hat aber nicht das Übel
an der Wurzel erfaßt.

Denn wenn überhaupt in dieser Stilverwirrung und
Unsicherheit ein Punkt der Ruhe und Sammlung gefunden
werden kann, so ist er in den formerhaltenden Kräften der
Überlieferung zu suchen. Sowohl wegen der Macht der
Überlieferung wie auch wegen der gedanklich nicht faß-
baren, gefühlsmäßigen Äußerungen des Eigenlebens von
Rassen und Stämmen erscheint es geradezu unmöglich,
daß eine in Wien wurzelnde künstlerische Anschauung be-
liebig nach Hamburg, Berlin, Cöln oder Breslau über-
tragen werden kann. Es sei denn, daß man mit allen
Mitteln und mit bewußter Absicht alles Heimische ver-
nichten möchte. Eine dauernde Erstarkung zu einer stär-
keren Gemeinsamkeit einer zunächst zwar örtlich begrenzten,
aber darum nicht weniger erstrebenswerten Stilanschauung
in den Kunstgewerbeschulen ist nur zu erhoffen, wenn
wieder auf die alten Grundlagen des kunstgewerlichen
Schaffens, wenn wieder auf das Vergangenes und Gegen-
wärtiges verknüpfende Band der Überlieferung zurück-
gegriffen wird. Nicht etwa so, daß man an die Formen
der Vergangenheit sich wieder anlehnen solle, sondern derart,
daß die aus einer örtlich begrenzten Überlieferung, aus
bestimmten Rassezusammenhängen hervorwachsende Stil-
anschauung in jedem einzelnen Falle erkannt werde und
bewußte Ausgestaltung erfahre. Daß man, um ein Beispiel
zu nennen, auf Grund der rheinischen Überlieferung mit
jungen, der neuen Gesinnung zugänglichen Künstlern eine
größere Sammlung nach der Seite einer Vereinheitlichung
der Stilanschauung gewinnen konnte, hat schon heute die
Kunstgewerbeschule in Essen bewiesen.

Im Grunde genommen liegt hier nichts anderes vor
als das, was den Wienern den bedeutenden Erfolg und
die führende Stellung im Kunstgewerbe verschaffte. Man
griff in Wien die Arbeitsmethoden der besten Zeiten kunst-
gewerblichen Schaffens auf, um sie im neuen Sinne zu
verwerten. Die im heimischen Boden wurzelnde Über-

Oben: Oertel&Co., Haida, Prunkschale aus Kristallglas

mit Rubin-Überfang

Unten: S. Reich & Co, Haida, Gelbe Prunkvase mit

schwarzem Überfang, geschliffen

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Kunstgewerbeblatt. N. F. XXVIII. H. 2.

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