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Martin, Rudolf
Lehrbuch der Anthropologie in systematischer Darstellung: mit besonderer Berücksichtigung der anthropologischen Methoden ; für Studierende, Ärzte und Forschungsreisende ; mit 460 Abbildungen im Text, 3 Tafeln und 2 Beobachtungsblättern — Jena, 1914

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https://doi.org/10.11588/diglit.37612#0045
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B. Anthropologische Methoden.

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raubende Erhebungen und Forschungen sind für die Anthropologie
wertlos geblieben, ja schädlich geworden, einzig weil sie ohne ge-
nügende methodische Kenntnisse unternommen wurden. Wie alle
Wissenschaften erfordert auch die Anthropologie eine eingehende
Schulung, die nur durch praktische Betätigung und Uebung erworben
werden kann. Leicht erscheint eine technische Manipulation nur dem
Unerfahrenen: die Schwierigkeiten der Technik erschließen sich erst
dem geübten und gewissenhaften Beobachter, die Schwierigkeiten der
Verarbeitung und Interpretation der gesammelten Tatsachen meist nur
dem Fachmann.

I. Methoden der Materialgewiiimmg.
Das Material, das sich dem Anthropologen zur Untersuchung
darbietet, besteht entweder aus lebenden Individuen oder aus Leichen
oder aus einzelnen Körperteilen, die sich in verschiedenem Zustande
der Konservierung befinden können. Danach werden auch die Vor-
schriften für die Materialgewinnung und -erhaltung verschieden sein
müssen. Es sei aber hier gleich betont, was übrigens schon aus der
früher gegebenen Definition hervorgeht, daß sich der Anthropologe
nicht auf das Sammeln menschlichen Materials beschränken darf,
sondern daß er seine Sammeltätigkeit auf die gesamte Primaten-
gruppe ausdehnen muß, weil er für die Entscheidung wichtiger Fragen
auf das Studium dieser letzteren angewiesen ist.
1. Lebendes Material.
Die Untersuchung lebender menschlicher Individuen aller Alters-
stufen und beiderlei Geschlechtes ist heute in größerem oder geringerem
Umfange überall möglich und nur da mit Schwierigkeiten verbunden,
wo gesellschaftliche oder religiöse Vorstellungen entgegenstehen. In
der Regel sind nach gegebenen Aufklärungen und bei entsprechendem
persönlichen Takt des Beobachters auch diese Hindernisse zu beseitigen.
Die anthropologische Untersuchung weiblicher Individuen, besonders
in Kulturländern, kann allerdings vielfach nur durch Frauen erreicht
werden. Kaum eine andere Wissenschaft ist so sehr auf die Mitwirkung
der Frau angewiesen wie die Anthropologie.
Bei Naturvölkern hat das Vorbild große suggestive Kraft; man
versäume daher nicht, die Untersuchung zuerst an sich selbst oder
an einer vertrauten Person vorzunehmen. Dadurch zerstört man
Furcht und Mißtrauen und wird alsbald seine Beobachtungen auch
an den zuerst scheuen Eingeborenen ausführen können.
Bei Kultur- und Halbkulturvölkern bieten diejenigen Institutionen
das geeignetste Arbeitsfeld für den Anthropologen, in denen eine
größere Anzahl von Individuen angesammelt ist. Das sind in erster
Linie die Schulen (Volks-, Mittel- und Hochschulen, Privatinstitute,
Ferienkolonien), ferner die Kasernen (resp. die zum Ersatzgeschäft
zusammengerufenen Rekruten), die Krankenhäuser und Privatanstalten,
die Polizeikasernen und Gefängnisse, die öffentlichen Häuser usw.
Die Möglichkeit, in solchen Institutionen Erhebungen vorzunehmen,
hängt immer von der Einwilligung der zuständigen Behörde ab. Um-
fassende Untersuchungen dieser Art werden am besten von Gesell-
schaften unternommen werden. Es sei hier nur an die von der
Deutschen Anthropologischen Gesellschaft in den 70er Jahren des
 
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