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Martin, Rudolf
Lehrbuch der Anthropologie in systematischer Darstellung: mit besonderer Berücksichtigung der anthropologischen Methoden ; für Studierende, Ärzte und Forschungsreisende ; mit 460 Abbildungen im Text, 3 Tafeln und 2 Beobachtungsblättern — Jena, 1914

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https://doi.org/10.11588/diglit.37612#0662
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640

Kraniologie.

Ursachen (Asymmetrien der Hinterhauptscondylen und der Wirbelsäule,
verschiedene Sehstärke beider Augen), die zu einer leichten Schief-
haltung des Kopfes führen und ausgeglichen werden müssen. Es ent-
spricht daher meist einem kleineren Raumsegment der einen Schädel-
hälfte ein größeres der anderen Seite (inverse Asymmetrie nach RiBBE).
Die Behauptung, daß die Asymmetrie der Occipitalcondylen in beson-
ders hohem Prozentsatz (98 Proz.) nur bei europäischen Varietäten sich
findet und infolgedessen als ein Kulturerwerb betrachtet werden
müsse (HANSEMANN), hat sich nicht bestätigt. Moderne Römer, Mela-
nesier, Peruaner und Feuerländer zeigen sowohl hinsichtlich der Größe
als auch hinsichtlich der Form und Stellung der Condylen dieselben
Asymmetrien in ähnlichen Prozentsätzen (S. SERGi). Es hat sich
ferner auch gezeigt, daß diese Asymmetrien schon in der ersten Zeit
der Entwicklung vorhanden sind; sie können also nicht erst durch
die habituelle schiefe Kopfhaltung beim Schreiben hervorgerufen,
sondern höchstens dadurch noch verstärkt worden sein.
Starke Gesichtsasymmetrien sind immer pathologischer Natur und
meist durch die Existenz eines Processus paramastoideus oder irgend-
welcher Verwachsungsprozesse des Hinterhauptes mit der Wirbelsäule
hervorgerufen. Von intracranialen Asymmetrien sei nur die stärkere
Ausbildung des rechten Sinus transversus erwähnt, als deren primäre
Ursache die Rückbildung der Vena cava superior sinistra anzusehen
ist (BLUNTSCHLl).

E. Gehirnschäde! a!s Ganzes.

I. Schädelkapazität.

Eines der wichtigsten, wenn nicht das wesentlichste Merkmal des
menschlichen Schädels ist die mächtige Entfaltung d e s N e u r o -
craniums. Sie kann am besten durch die Messung der Schädelkapazität,
d. h. durch die Volumbestimmung des Hohlraumes, der beim Lebenden
von dem Gehirn samt den Gehirnhäuten ausgefüllt ist, vorgenommen
werden (Technik S. 538). Infolge des letzteren Momentes kann die
Schädelkapazität niemals gleich dem Gehirngewicht oder dem Gehirn-
volumen gesetzt werden, sondern die letzteren sind stets geringer als
die erstere. Für das Verhältnis von Kapazität zu Gehirngewicht hat
WELCHER (1886) folgende Zahlen angegeben:

Bei 1200—1300 ccm Kapazität sind 100 ccm Kapazität = 91 g Gehirn
„ 1300-M00 „ „ „ „ „ „ =92.
„ 1400—1500 „ „ „ „ „ „ =93„ „
„ 1500—1600 „ „ „ „ „ „ =94„
. 1600-1700 . . . . „ . =95„

Nach MANouvRiER beträgt das Gehirngewicht im Mittel nur 87 Proz.
der Schädelkapazität (Schrotfüllung).
Das Verhältnis des Gehirnvolumens zur Schädelkapazität variiert
aber auch im Laufe des Lebens, da infolge seniler Involution das
erstere mit zunehmendem Alter verringert wird.
 
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