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Martin, Rudolf
Lehrbuch der Anthropologie in systematischer Darstellung: mit besonderer Berücksichtigung der anthropologischen Methoden ; für Studierende, Ärzte und Forschungsreisende ; mit 460 Abbildungen im Text, 3 Tafeln und 2 Beobachtungsblättern — Jena, 1914

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https://doi.org/10.11588/diglit.37612#0438
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416

Somatologie.

Die Zahlen zeigen trotz zahlreicher Mischungen in historischer
Zeit noch die ursprünglichen Besiedelungsverhältnisse und die Ver-
teilung der einzelnen Typen. Schweden ist auch heute noch das Land
der hellsten Menschen. Je mehr Individuen aber aus Schweden aus-
wandern und in den dunkleren Bevölkerungen benachbarter Völker
aufgehen, und je mehr aus südlich gelegenen Gegenden dunkle Typen
einwandern, um so mehr wird der helle Typus verschwinden müssen.
Im allgemeinen erreichen Augen und Haare leichter einen höheren
Pigmentgrad als die Haut; im individuellen Falle deutet daher dunkle
Haut bestimmter auf die Abstammung von einer dunklen Rasse hin,
als braunes Haar und braune Augen.
Mit den verschiedenen Komplexionstypen korrelieren aber auch
noch andere physische Merkmale, wie Körpergröße und Kopfform. So
sind z. B. die blonden Typen des nördlichen Europa vorwiegend groß
und langköpfig, die im westlichen und zentralen Europa wohnenden
Brünetten dagegen klein und kurzköpfig (vgl. die Klassifikation,
S. 22). In dem slavischen Großrußland dagegen findet sich sowohl
eine Korrelation von Blondheit mit Brachykephalie und relativ hoher
Statur (Waldaigebiet) als eine solche von dunkler Komplexion mit
Dolichokephalie und relativ niedriger Statur (Riazangebiet) (TscHE-
POURKOWSKY). Alle diese Merkmalkomplexe sind altererbt und erhalten
sich im allgemeinen mit einer außerordentlichen Zähigkeit. Bei
Mischung aber lösen sich vielfach die primär verbundenen Merkmale
von einander, vererben sich aller Wahrscheinlichkeit nach im Sinne
der MENDBLSchen Regeln und gehen dann sekundäre Kombinationen ein.

E. Weichteiie des Kopfes und Gesichtes.
I. Allgemeines.
Die allgemeinen Größen- und Formverhältnisse des menschlichen
Kopfes und Gesichtes sind naturgemäß in hohem Maße durch die
knöcherne Unterlage bedingt, an die sich die Weichteile eng
anschmiegen. Da der Bau des Schädels nun im ganzen wie in seinen
einzelnen Abschnitten deutliche und bedeutende Rassenunterschiede
zeigt, so muß auch der Kopf des Lebenden diese Unterschiede mehr
oder weniger zum Ausdruck bringen.
Um Wiederholungen zu vermeiden, sollen diese allgemeinen Form-
verhältnisse erst beim Schädel als dem ursächlichen Moment derselben
behandelt werden. Es gibt aber daneben, speziell im Bereich des Ge-
sichtes, Bildungen, die man nicht auf Rechnung des Knochenbaues
setzen kann, sondern die ausschließlich auf der Entfaltung der Weich-
teile beruhen. Sie hängen zum Teil ab von der Dickenentwicklung
des Integumentes, von der regionalen Entfaltung des Panniculus adi-
posus und der Ausbildung der Muskulatur, oder es sind Bildungen,
die durch Knorpelplatten gestützt werden, oder schließlich einfache
Hautduplikaturen. Diese Bildungen gehören in das Bereich der Soma-
tologie, denn sie können nur am Lebenden und teilweise noch an der
frischen Leiche studiert werden.
Was die allgemeinen Dickenverhältnisse der Haut, des
Unterhautbindegewebes und der Muskulatur der Kopfregion anlangt,
 
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