Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 32.1989

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durchgängigen Lehrerzentriertheit und einem unablässigen Frontalunterricht vorzu-
beugen, ohne dabei Anspruch auf einen idealtypischen Unterricht zu erheben. Im fol-
genden soll eine von vielen möglichen Ansätzen skizziert werden, um Phasen partner-
bezogener Arbeit möglichst frühzeitig in den Grammatikunterricht einfließen zu las-
sen und so spätere ausgedehntere Formen von Partner- und Gruppenarbeit vorzube-
reiten.
Das hier vorgeschlagene Verfahren, das den Aspekt der Einübung von Grammatik in
den Vordergrund stellt, stammt ursprünglich aus der fachdidaktischen Literatur des
Französischunterrichts und ist dort unter der Bezeichnung ,,Tandem-Bogen"
beschrieben^ Es handelt sich dabei um ein Arbeitsblatt, das in zwei Spalten (A und B)
unterteilt ist: durch ein Falten des Blattes kann erreicht werden, daß Schüler nur eine
Hälfte des Arbeitsblattes lesen können. In einer ersten, simplen Verwendung, wie sie
hier vorgestellt wird, läßt sich ein solcher Tandembogen nach dem Prinzip ^Aufgabe-
Lösung" gestalten: Spalte A enthält Aufgaben, Spalte B die Lösungen, Die Schüler wer-
den in (möglichst leistungsheterogene) Paare eingeteilt und erhalten pro Person einen
solchen Arbeitsbogen, jeweils ein Schüler übernimmt die Rolle von ,,B": er läßt den
Tandembogen aufgeklappt und stellt seinem Mitschüler Fragen, deren Lösung er mit
Hilfe der Spalte B sofort auf ihre Richtigkeit überprüfen kann. Der andere Schüler
übernimmt die Rolle von ,,A": er faltet den Bogen und liest nur die Aufgabenstellung
mit.
Es handelt sich in dieser Form also zunächst um ein vielleicht naiv anmutendes Abfra-
geschema, wie es beim gegenseitigen Vokabelabhören durch Schüler immer wieder
praktiziert wird. Der Vorteil der Übungsform liegt allerdings darin, daß in einer sol-
chen Übungsphase sämtliche Schüler gleichzeitig Aufgaben zur Grammatik lösen -und
daß die Schüler die Aufgaben nicht nur hören, sondern sogar mitlesen können, soll
den Behaltenseffekt gerade solcher Fragen fördern, die dazu angetan sind, die Schüler
auf wichtige Erscheinungsformen und Gesetzmäßigkeiten zu stoßen. Im Gegensatz
zum mündlichen lehrerzentrierten Unterricht ist also sichergestellt, daß alle Schüler
aktiv sind, - und im Gegensatz zu häuslicher Arbeit oder herkömmlicher Stillarbeit er-
folgt eine Korrektur der gegebenen Lösungen im lernpsychologisch besten Augen-
blick: nämlich sofort. Sobald ein.Schüler sämtliche Aufgaben gelöst hat, wechseln die
Partner ihre Rollen: nunmehr fragt der zweite Schüler den ersten ab, der jetzt seinen
Bogen in der Mitte faltet. Gewiß liegt hier ein Schwachpunkt des Verfahrens, - Aufga-
ben, die ein zweites mal durchgenommen werden, verlieren an Reiz, und zudem ist ja
der Schüler, der beim ersten Durchgang die Fragen stellte und die Lösungen kontrol-
lierte, in einem relativen Vorteil. Die Erfahrung zeigt jedoch, daß diese Einschränkun-
gen nicht gravierende Auswirkungen haben müssen, wenn die Aufgaben nicht zu ein-
fach gestellt sind: der Reiz, den anderen abzufragen, wirkt auch bei einem zweiten
Durchgang und zudem kommt eine Wiederholung gerade schwachen Schülern zugu-
te, die sich die Lösungen besser einprägen und durch häufige richtige Antworten an
Selbstvertrauen gewinnen können. Daher auch der Vorschlag, leistungsheterogene
Paare zusammenzustellen: der Schwächere fragt zunächst den Leistungsstärkeren ab,
was für das Selbstwertgefühl auch des Leistungsschwächeren nicht unerheblich ist und

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