Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 32.1989

Page: 65
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Wie dem auch sei, die Flexibilität der altsprachlichen Bildung im 20. Jahrhundert läßt auf Anhieb
erschrecken und vermittelt ein gewisses Verständnis für die "Inhumanitätsvorwürfe« gegen den
FJumanismus bei Saul B. Robinson, Manfred Fuhrmann und Werner Raith. Aber abgesehen von
der immer unzulässigen Pauschalierung sollte nicht vergessen werden, daß sich die zähen und
stillen Verteidiger und Vermittler geistiger Unabhängigkeit ebenfalls auf die antike Bildung stüt-
zen. Eine pädagogische Idee kann niemals besser sein als das vermittelnde Filter, das sie passie-
ren muß. Auch die großen Bemühungen um ein neues pädagogisches Selbstverständnis der Al-
ten Sprachen, das übrigens Werner Jaeger mehr verdankt als es zugibt, wäre fruchtlos ohne Leh-
rerpotential, das sich mit solchen (emanzipatorischen) Bildungszielen identifiziert und sie erzie-
herisch umsetzt. Diese in der Tat schwer faßbare Seite der Bildungsgeschichte muß erst noch er-
forscht und beschrieben werden.
Noch ein Nachsatz. Den im "Sonderheft 1987« der MDAV S. lOff. abgedruckten «Leitsätzen« des
DAV über die "Gegenwartsbedeutung des Humanistischen Gymnasiums« vom 30.9.1933 war ei-
ne Beschlußvorlage des Vorstands vorausgegangen, die das «Deutsche Philologen-Blatt« am
13.9.1933 veröffentlichte. Fritsch druckt beide Fassungen S. 155-159 synoptisch ab und legt die
Verschärfung des Volkstumgedankens und Abschwächung (Streichung) schöngeistiger Rhetoris-
men durch das Ministerium Rust offen.

PROF. DR. K. SALLMANN

Anmerkungen
1 Die Antike als Leitbild der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts (1975), in: W.R., Be-
drohte Lebensordnung, Studien zur humanistischen Soziologie, Zürich/München 1978.
2 Der Streit des Philanthropinismus und Humanismus in der Theorie des Erziehungsunterrichts
unserer Zeit, München 1907 (in Humanismus, Texte zur Schulreform, hrsg. von W. Hille-
brecht. Wernheim 1968, 76 ff (= kl. päd. Texte 29).
3 Enzyclica «Quanta cura« (1864) mit dem Postulat Nr. 57, daß alle Philosophie, Ethik und das
gesamte Recht der göttlichen und kirchlichen Autorität unterwarf.
4 Antipode war der 1889 gegründete «Verein für Schulreform«.
5 Maßgeblich: Robert von Pöhlmann, Das klassische Altertum in seiner Bedeutung für die poli-
tische Erziehung des modernen Staatsbürgers (1891), in: R.v.P., Aus Altertum und Gegen-
wart, München^! 911.

5cho/a Anatob'ca. Freundesgabe für Hermann 5temtba/. Oslander Ver/ag Tübingen 1989, ca. 500
Seiten. Preis; 45,— DM
Hermann Steinthais Abschied von der Schule war dem Lehrerkollegium des Uhland-
Gymnasiums in Tübingen Anlaß, ihm als Dankes- und Freundesgabe eine Sammelschrift zu wid-
men, in der aus allen Fachrichtungen des Gymnasiums 30 auf hohem Niveau stehende Beiträge
unter dem Titel ,,Scho!a Anatolica" zusammengestellt sind. Es ist nicht möglich, an dieser Stelle
alle Beiträge (Erzählungen, essayartige Arbeiten, Fachaufsätze, akademische Abhandlungen)
sachgerecht zu würdigen; es seien deshalb nur die Aufsätze kürzest vorgestellt, die auch dem alt-
sprachlichen Lehrer von Nutzen und Interesse sind.
Reinhard Tburow legt in seinen Beitrag ,,Menschlichkeit und Wissenschaft" (Fächerübergreifen-
des Lernen als Aufgabe und Chance des Gymnasiums) zunächst in fünf Problemkreisen die Be-

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