Steffen, ... [Editor]; Lolling, Habbo G. [Editor]
Karten von Mykenai (nebst einem Anhange Über die Kontoporeia und das mykenisch-korinthische Bergland) (Text): Erläuternder Text mit Übersichtskarte von Argolis — Berlin, 1884

Page: 37
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In jedem Falle müsste sich dann unterhalb der Nordwestspitze der Burg- ein äufseres Thor befunden
haben, durch welches die Hochstrafse in die Stadt einmündete.

Die Stadt Mykenai.

Die Stadt Mykenai kann nur zum geringeren Theil auf dem mauerumschlossenen Höhenrücken
im Südwesten der Akropolis gelegen haben. Die Entfernung- vom Löwenthor bis zum Felsen Makry-
Lithari beträgt nur ca. 820 Meter, während die gröfste Breitenausdehnung- des durch die Stadtmauer
eingeschlossenen Raumes 250 Meter nicht übersteigt. In Höhe des als Schatzhaus des Atreus bekannten
Kuppelgrabes beträgt der Abstand der Ostmauer von der AVestmauer nur ca. 160 Meter. Weiter süd-
wärts vermindert sich dieser Abstand sogar bis auf ca. 40 Meter. — Der mauerumschlossene Raum war
also zur Aufnahme einer gröfseren städtischen Ansiedlung nicht ausreichend.

War die Bezeichnung- Homers „das breitstrafsige Mykenai" wirklich auf Wahrheit gegründet,
so konnte innerhalb der Stadtmauer nur eine Strafse dieses Epitheton verdient haben. Dieselbe verlief
vermuthlich, vom Löwenthore ausgehend und anfangs der Spur des jetzigen Fufspfades nach Charvati
folgend, in der bereits erwähnten für die Heraionstrafse vermutheten Richtung. —

Die eng begrenzten räumlichen Verhältnisse des durch Festungsmauern eingeschlossenen Gebietes
machen die Annahme wahrscheinlich, dass wir innerhalb dieses Raumes vorzugsweise diejenigen Bauten
zu suchen haben, welche als integrirender Theil des Hofhaltes eines glänzenden Herrschergeschlechtes
angenommen werden müssen. Die eigentliche Entwickelung des städtischen Lebens aber muss einstmals
aufserhalb .der Mauern von Mykenai stattgefunden haben. Für diese Annahme scheinen auch die beiden
antiken Brunnenanlagen zu sprechen: das Epano-Pigadi und das Kato-Pigadi, aufser der Perseui-
Quelle, wie bereits erwähnt, die beiden einzigen nachweisbaren Brunnen des Mykenischen Stadtgebietes.
Dieselben lagen aufserhalb der Festungsmauer am Südwestfufse des Höhenrückens.

Auf dem West- und Südwesthange dieses Bergrückens hat vermuthlich einstmals die Haupt-
ausdehnung der Aufsenstadt stattgefunden. Schon unmittelbar am Pulse der Westmauer befinden
sich zahlreiche Häuserruinen, deren Unterbauten zum gröfseren Theile antikes Baumaterial erkennen
lassen; jedoch beweist die theilweise Verwendung- von Trümmern der Stadtmauer, dass hier auch
spätere Ansiedlungen zu suchen sind. Die zahlreichen Gebäudetrümmer innerhalb der Stadtbefestigung,
welche man ebenfalls als kyklopische bezeichnet hat, gehören mit geringen Ausnahmen einer viel
späteren Zeit an.

An dem Westhange des Mykenischen Höhenrückens treten besonders zahlreiche kyklopische
Stützmauern hervor. Dieselben zeigen sich ferner in gröfserer Zahl am unteren Elias-Hange nördlich des
oberen Kokoretza-Baches, auch am Westfufse des Szara-Berges auf dem linken Ufer des Chonia-Baches
sind kyklopische Mauerzüge erkennbar. Indessen liegt nur an denjenigen Stellen, welche rechte Winkel
unter diesen Mauerlinien zeigen, die Berechtigung vor, das einstige Vorhandensein von Wohnräumen
zu vermuthen. Solche rechte Winkel zeigen sich auf der Thalsohle des oberen Kokoretza-Baches, ferner
oberhalb der Burg im Chavos-Thale bis zur Perseia hin, und auf dem linken Ufer des Chonia-Baches.
An diesen Stellen können sich also Wohnräume befunden haben. Es wird daher angenommen, dass sich
die antike Aufsenstadt in mehreren Gruppen vorstadtartig rings um die Befestigungsanlage an den ver-
schiedenen Strafsen ausbreitete, die Hauptentwickelung derselben aber auf dem Westhange des Myke-
nischen Höhenrückens bis zum Elias-Bache hin stattfand.

Es befinden sich an diesem Hange die Reste von vier Kuppelgräbern und am linken Ufer des
Elias-Baches aufser verschiedenen Gruppen kyklopischer Mauerreste die Grundmauern eines gröfseren
Baues, welcher zweifellos der heroischen Zeit angehört hat. In der Aneinanderfügung der Steine tritt
bei diesem letzteren Bau neben dem vorherrschenden kyklopischen Styl schon die Anwendung- des
polygonalen und die Neigung zu horizontaler Schichtung hervor. Die dem Bache zugewandte Schmal-
seite dieses Substructionsbaues ist darum von Interesse, weil sich hier wie bei den Unterbauten des
neuen Heraions schon ein Hervorstehen der unteren Schichten zeigt. Es ist nicht unwahrscheinlich,
dass wir hier den Unterbau eines Tempels zu suchen haben.
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