Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 7.1890

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Die Berline

<W?UN wollen sie bersltzen Viel lieber säft'

Und nehmen ;n Protokoll, Vom Volke, ern

Wie man mit guten Ttzaten Die stnd die best

Die Arbeit schützen soll. Was unserm Vo

Ob's ihnen wird gelingen, Die wissen, wie

Kann ich nicht proptzezeih'n, ! Der Arbeit Schv

Doch wenn ste zu Stand was bringen, ^ Wie Volkskrast
So soll mich's herzlich sreu'n. Am gar zu karg.

Doch Eines will mich schrecken: Wie mit dem Rii

Die diplomatischen Herrn Geht zur Fabrik

Mit goldgestickten Fräcken > And wie dabei d

Seh' ich dabei nicht gern. Doch fehlt auf's

Man laste Männer kommen
Vom Volk zum hohen Rath;

Ihr einfach Wort wird frommer:

And zeitigen die Thal.

«2

r Konferenz, -

ch Männer Wie kann rin Volk gefunden,

l und schlicht, Das kümmerlich frch nätzrl

en Kenner, And doch mit vierzehn Stunden

lk gebricht. Von Arbeit ist beschwert?

ich wandelt Wer unsres Volkes Leiden

:eisz in Gold, Will kennen und versteh'«,

wird verhandelt Der mutz in solchen Zeiten

m Sold; Es an der Arbeit seh'n.

ad dir Mutter Der mutz in seiner Hütte

aus Noth Es sttzen seh'n beim Mahl

ir Butter And mutz mit leisem Schritte

liebe Brot. Belauschen seine Anal.

Sie kennen des Volkes Schmerzen
And glühen für fein Wohl;

Doch Diplomatenherzrn,

Ach, die stnd kalt und hohl.

Berlin, Ende März.

Lieber Jacob!

Nu klingen bald de Osterjlocken überall, de janze Welt hat ihr Frieh-
jahrskleed anjezogcn, draußen, zwischen Pankow un Reinickendorf, wo vor
uns Berliner de „Natur" anfangt, da regt et sich, eene milde Luft um-
fächelt Dir, een sanfter Windhauch zieht in sämmtliche Kuppernasen in, un
wer jetzt nich jloobt, det et mit den diesjährijen Winter vorläufig vorbei
is, na, der is richtig mit'n Dämelsack jeschlagen.

Ja, Jacob, et fangt een neict Leben an. Wir Menschenkinder, wenn
lvir ooch sonst nich weit übcr'n Lausitzer Platz wegkommen, wir sind un
bleiben putzije Kruken. Denkste, ick kann zu Ostern zu Hause bleiben? Nich
vor Käse, da muß ick raus, da muß ick mir draußen Rock un Weste uff-
knöppen, un in de freie Natur, da firchte ick mir den Deibel nich vor det
süffigste Bockbier — wat kann denn det jroß schaden, wenn De ooch mal
eenen klecnen Affen mit zu Hause bringst: du meine Jicte, alle Dage is
doch nich Ostern, un wenn der Mensch uff seine richtije Zeit nich mal 'n
bisken fideel sein soll, na, dann hecrt ja von selbst de Naturjeschichte uff,
dann spiele ick einfach nich mit; dann bleibe ick lieber zu Hause sitzen hinter'n
Ofen un markir den Dickncesijen.

Du mußt mir nu deswcjen nich jlcich vor'» ausjemachten Liederjahn
ansehen; nee, denn haste an'n falschen Kalmus jepicpt. Ick werde natierlich
nich nach'» Berliner Bock jehen, wo de feinen Rowdies beiderlei Jeschlechts
ihren Radau machen, un sich so bcdragen, bat De denkst, se sind allezusammcn
aus Dalldorf.

Uff’n Berliner Bock, da is ja jetzt um diese Zeit wat jefällig. Arbeeter
sechste natierlich nich, die sind ville zu vernünftig dazu, unter Uffsicht von
verschiedene Schutzleite ihr Bier zu drinken, aber de flöcker'schen Studenten
un die anderen antisemitischen Jinglingc, die stellen sich da draußen an, als
ob se rcjulär verrückt wären. Meineswcjen laß sc man, mir sind sc nich
in'n Weje, ick jönne jeden Menschen sein Pläsir, un wenn De wat in de
Zeitungen lest von Strolche u. s. w., denn wceßte wenigstens, aus welche
Klassen De Dir die nothwendijen Mitjlieder der menschlichen Jesellschaft zu
suchen hast. Also man immer feste uff de Weste, doller wie die Brieder et
immer dreiben, kann et icberhaupt nich jedrieben werden.

Aber et is Ostern, de olle Mutter Erde putzt sich raus wie 'n junget
Meechen, un scheen is se doch immer wieder, da kannste nu sagen, wat De
willst. Ick jloobe sojar, det se hier bei uns in Berlin jrade am Schcensten
is. Det is ja richtig, außer den Kreiz- und de Rehberje verfiejen wir hier

Ostrrabrnd im Dorfe.

Von Sigmund Schwärst.

s war Osterabend. Weit und breit waren nichts als Felder und
^ Wiesen zu schauen. Ein Landregen rieselte seit Stunden vom

7 grauen Himmel hernieder und verwandelte den Weg, auf dem
ein junger Mann fürbaß schritt, in einen grundlosen Sumpf.
Der Wanderer war in dünner Kleidung und trug ein kleines Ränzchen aus
dem Rücken, einen sogenannten Berliner. Es war offenbar ein Handwerks-
bursche. Der deutsche Handwerksbursche kommt bekanntlich überall hin und
der berühmte Reisende von Schlagintweith ist sogar auf dem Himalaya-
gcbirge einem solchen begegnet.

Unser Handwerksbnrschc hatte sich offenbar verirrt und den Weg zur
nächsten Stadt verloren.

„Verdammt!" murmelte er, sich die Hände reibend, „gießt cs denn hier
gar keine menschlichen Niederlassungen?"

Wiederum schritt er vorwärts und endlich sah er die Spitze eines Kirch-
thurms aus einem seitwärts liegenden Thalgrund emporragen.

„Endlich!" sagte der Wanderer und seine bleichen Wangen rötheten sich
etwas, als er ausholte, um das langersehnte Dorf zu erreichen.

Bald schritt der Wanderer wohlgemuth in die Dorfstraße hinein. An
solche!» festlichen Abend konnte es ja nicht schwer sein, bei mildthätigen und
reichen Bauern, und solche schienen in dem stattlichen Dorfe zu wohnen,
ein Unterkommen zu finden bis zum andern Tag. Denn unser Held war,
wie wir iin Vertrauen mitthcilen wollen, ganz von Mitteln entblößt.

Heute sollte er aber erfahren, daß die reichsten Bauern nicht immer die
mildthätigstcn sind.

Er kam an einem Brunnen vorüber, wo einige plaudernde Mägde seinen
Gruß scheu erwiderten und ihm neugierig nachsahen; dann blieb er vor
einem Bauernhof stehen. Sollte er es hier wagen und um einen Imbiß
und ein Nachtlager, wenn auch nur auf dem Heuboden, bitten?

Er wagte es und trat schüchtern ein. Eine alte Frau mit rochen Wangen
und weißem Haar saß an einem Tisch und schälte Kartoffeln. Sic hieß den
Fremden auf der Ofenbank Platz nehmen, sich zu wärmen.

„Ihr kommt weit her?" sagte sie.

„Ja", meinte er, „zehn Stunden ohne Aufenthalt unterwegs."

„Und hungrig und durstig seid Ihr auch?"

„Allerdings", meinte er schüchtern, „seit gestern Abend" — —

In diesem Augenblick ging die Thür der anstoßenden Stube auf und ein
Mann trat ein mit derben Zügen, rothem Gesicht und einer herrischen Haltung. |

„Aha", sagte er, „ein Landstreicher! Was will Er hier? Betteln natürlich.
Da wird Nichts draus. Scheer' Er sich zum Teufel!"

„Aber Sohn", sagte begütigend die Alte.

„Still", herrschte der Bauer. „Ihr wißt, wie sehr mir Eure Vorliebe
für die Art Leute zuwider ist. Die locken uns nur noch mehr ihresgleichen
in's Dorf und werden zur Landplage. Hinaus, sag' ich Ihm!"

Die Greisin beugte ihr Haupt über ihre Arbeit; der Fremde aber
verließ das ungastliche Haus mit einem Seufzer. Als er auf die Straße
kam, ging eben der Büttel vorüber; der Bauer aber riß hinter ihm das
Fenster auf und schrie:

„Heda Obrigkeit, es giebt zu thun! Ein Landstreicher."

Der Büttel vertrat dem Fremden den Weg.

„Papiere!" herrschte er den Handwerksburschen an.

Derselbe reichte ihm sein Wanderbuch. - Es war in Ordnung.

„Hm!" brummte der Büttel. „Gottlicb Heim, Schneider aus Nord-
hausen. Hat Er gebettelt?"

„Ich wollte zur Stadt, wo ich Unterstützung erhalte. Aber ich habe
mich verirrt."

„Keine Mittel?"

„Nein, aber morgen sicher!"

„Aha!" sagte schlau der Büttel. „Was morgen! Man will betteln!"
Er schaute den Fremden scharf an. „Umschau ist verboten. Marsch mit!"

„Wohin?" srug der arme Schneider entsetzt.

„Wird man schon sehen", antwortete der Büttel, „vorwärts marsch!"
Er schlug an seinen rostigen Säbel. Der Gefangene mußte vorausmarschiren,
und während einige Kinder hinterherliefen, erreichte man das RathhauS,
wo alsbald der Fremde in den Gewahrsam des Dorfes gebracht wurde.
Dort lag er auf harter Pritsche und stellte trübselige Betrachtungen an über
einen solchen Osterabend. So hatte er noch keinen erlebt.

* *

*

Der Ortsschulze des Dorfes war ein gar gestrenger Herr und hatte cs
ganz besonders auf die sogenannten Vagabunden abgesehen. Er warf die
beschäftigungslosen Arbeiter mit wirklichen Strolchen in einen Topf. Der
Herr Ortsschulze fühlte sich überhaupt gewaltig in seiner Würde und regierte
mit vieler Schärfe, die nur zuweilen durch die Fürbitten und das Eingreifen
seiner zwei Töchter gemildert wurde. Die Mädchen des reichen Hofbesitzers
waren ihrer verstorbenen Mutter ähnlich, mild und gutherzig, und heilten
im Stillen manche Wunde wieder, welche die Härte ihres Vaters geschlagen.

Der Büttel kam und berichtete pflichtschuldigst dem Ortsschulzcn über
seinen Fang. Im Großvaterstuhl, eine lange Pfeife schmauchend, hörte der
Ortsgewaltige den Rapport an.
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