Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 7.1890

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■•■>K^§r° Der Hamburger Ausstand.

iel taufend Männer trotzen
In ihrem kühnen Muth,
Wenn sie auch durch die Protzen
verlieren Hab und Gut.

Lie wollen nicht sich beugen,

Lie kämpfen um ihr Recht,

Der Welt sie wollen zeigen
Aich als ein frei Geschlecht.

Die Männer müssen lungern,

Aie sind ein zahllos Heer,

Der Krauen und Rinder, die hungern,
Aind es gewiß noch mehr.

Und doch hörst du kein Rlagen
In solcher schweren Zeit;

Lie wollen nicht verzagen
In ihrem heißen Ltreit.

Lie stehen ohne Wanken
In ungebroch'nen Reih'n,

Kür rinen großen Gedanken
Treten sie Alle ein:

Daß alle Menschen Brüder,
Daß sie ein frei Geschlecht,

Daß sie zu beugen nieder
Der protz nicht hat das Recht.

Ihr lieben Brüder, denket
An Lolches sicherlich.

Daß nicht bezwungen senket
Der Arbeit Banner sich.

Bewirkt, daß ihnen werde
Zu Hamburg dort der Lieg!
Das wär' auf dieser Lrde
Lin rechter heil'ger Rrieg!

Aus de Fremde, in'n Aujust.

Lieber Jacob!

Jh, denke ick eenes schcenen Dagcs, lieber Jacob, ih Jotthilf, Wat brauchst
du denn zu hassen, wo Alles liebt?! Det haste doch wahrhaftig nich neethig,
un wenn alle Menschen verreisen, denn rapc man deine paar Pimperlinge
ooch zusammen, denn dein Jcld is ooch keen Blei un een paar Neesen voll
frische Lnft kännste schließlich ooch verdragen, die schmeißen ieberhaupt
Kecnen um.

Wccßte, Jacob, fackeln is bei mir nich lange, bei mir jilt der Jrundsatz:
Wenn schon — denn schon. Also Schuß un los! Ick also hin nach de
Stettiner Bahn nn komme denn ooch richtig in Pimpelbcrg mitten mang
det Landleben an. Na, die Frcide von all' det Rindviehzeich kannste Dir
ja jarnich vorstellen, wie et mir in't Ooge kriegte. Ick jrießte ja denn ooch
freindlich nn herablassend nach alle Seiten hin, schließlich wurde ick aber doch
so dickneesig, det ick, wenn ans irjend eenen Kuhstall een urkräftijet „Muh"
mit sonne Inbrunst ertönte, als ob een richtijer volljesoffener Korpsstudent
vor een paar Jahre eenen Jlickwnnsch nach Friedrichsruhe abbrillte, heechstens
mit eenen Finger an de Mitze tippte, als wäre ick een preißischer Jardc-
leitnant, der unter de Linden spazieren jeht.

Na, also ick sitze nn in't Landleben, fern von alle Politik. Et wird
mir schwer, mir hier jänzlich auszuschweijen, indem ick jewohnt war, det
ja»; Eiropa stets de Oogen uff unsere politische Korrespondenz jerichtct hatte.
Aber, Jacob, ick muß, so leid wie mir et ooch duht, ick muß schweijen.

Ratierlich aber konnte meine Anwesenheit in det kleene Nest nich lange
een Jeheimniß bleiben. Ick muß jcstehen, ick fiehlte mir zuerst nich jan;
wohl, indem ick von Berlin aus doch an een biskcn jrößere Dimensionen
jeweehnt war. Wenn De Dir nämlich in Pimpelberg uff'n Marcht de
Stiebet ausziehen willst, denn missen sc nämlich de Dohre uffmachen. So
kam et denn ooch, det mir der Redakteur von den Pimpelberjcr Anzeijcr
bald ausbaldowert hatte.

Die Sache mit den hatte ooch eenen Haken. Een Abonnent von det
weltberiehmte Blatt hatte ihm nämlich jedroht, det er det Abonnement uff-
jeben Wirde, wenn er nich in de kirzeste Zeit ooch mal een Orijinal-Jnterjuh,
oder wie se so'n Ding nennen, in seine Spalten veröffentlichen Wirde.
Außerdem wollte er ihm de Knochen in'n Leibe zerschlagen un det Kreis-
blatt aus det nächste Nest abonniren. Na, ick wceß doch nn aus eijcne Er-
fahrung, wie sonnen Zeitungsschreiber in solchen Falle zu Muthe is.

Ick sitze Dir also an den ersten Morjen janz ruhig in meine Stube
und ruhe mir von den Uffcnthalt in mein Bettfutteral aus. Eene Fliejc
muß woll meine Reese vor eenen recht rothbäckigen Appel jehalten haben,
denn det Luder war doch nich von meinen Jesichtsvorsprung wegzuschlagen.
Da kloppt et mit eenem Male. Ick rufe natierlich so forsch wie ick
blos kann: „Herein!" De Diehr jeht uff un ick krieje den windschiefen
Zeitungsmann in't Ooge, wie er sich jrade den Dreck von seine Bcenc
trampelt.

„Morjen", sagt er.

Ick knurre möglichst ehrfurchtjebietend in meinen Bart rin.

„Sie sind doch der beriehmte Herr Raucke von'n Jörlitzer Bahnhof in
Berlin?" fragt er uff Plattdeutsch.

„Det kann ick nich bestreiten un erwarte den Jejenbeweis", erwidere ick
mit die Bescheidenheit, die mir ieberhaupt in jroße Momente auszeichnet.

„Hm", meent er, Woruff ick nischt zu entjejnen weeß.

„Wie haben Sie denn die Nacht jeschlafcn, Herr Naucke", nimmt er
det Jespräch wieder uff.

„Ick danke", sage ick, indem ick mir mit meine rechte Hand det linke
Knie schubbern mußte, „ick danke, ick habe janz jut jeschlafen, aber die armen
Manschen, die scheinen hier de janze Nacht keen Ooge zujemacht zu haben,
oder war vielleicht in mein Bett diese Nacht een Jnsektenkongreß?"

Er erwiderte nischt, lächelte aber sehr diplomatisch, machte sich een paar
stenojraphische Notizen in sein Buch un schubberte sich sein Kreiz an de
Stuhllehne.

Schreiben des Schulmeisters Dackel

an den Schulmeister Barkel.

-iebwerthcr Herr Kollege! Ich eile, Ihren geschätzten Brief zu
beantworten. Sie möchten wissen, was der Großeisenindustrielle
Herr W. Funke aus Hagen wohl meint, wenn er in der
„ Rheinisch - Westfälischen Zeitung" den Herrn Geheimrath Dr.
Hinzpcter belehrt: „Für unfern Handwerker- und Arbeiterstand ist
eine Schulreform das dringendste Bedürfniß". Was ist mit diesem
Räthselwort gemeint? fragen Sie mich. Nun, offen gestanden, ich weiß es
nicht; Herr, dunkel ist der Rede Sinn! (Ich spiele auch gern den Zitaterich
so gut wie Sie.) Dunkel aber tief, ohne Zweifel. Und für uns Schul-
meister liegt eine hohe Genugthuung in diesem hochorigincllen Gedanken,
daß die soziale Frage sich auf eine Schulfrage hinausspielt. Der
„Schulmeister von Königsgrätz" hat bekanntlich die Schlacht gewonnen, der
Schulmeister muß auch die soziale Frage lösen. Wie gut, daß ein Groß-
industrieller das ausspricht. Werden sic uns immer noch nicht den
Gehalt aufbessern?

Item, liebwerther Kollega, hätte ich Zeit und Geld gehabt, ich wäre
vtantö pecks zu Herrn Funke gereist, ihn über die pädagogische Weisheit,
die er in leider so kurzem Orakelspruch von sich gegeben, zu interviewen.
Ich habe auch die Idee noch nicht aufgegeben, sonst hätte ich mich brieflich
an ihn gewendet. Bis dahin aber habe ich versucht, den Tiefsinn dieses
pädagogischen Orakelspruchs mit meinem Eimer heraufzuschöpfen, d. h. nach-
zudenken, wie nach der Ansicht des Herrn W. Funke die Schule reformirt
werden muß, um die soziale Frage zu lösen. Hören Sie und bleiben Sie
unbefangen.

Allgemeine Gesichtspunkte. Die Schule hat die Aufgabe, den
künftigen Handwerkern und Arbeitern die Anschauung einzuimpfen, daß sie

sich nicht Selbstzweck seien, sondern daß sie für die Großindustrie
da sind und daß demgemäß ihre Bestimmung die ist, sich mit den be-
scheidensten Löhnen zu begnügen und so lange zu arbeiten, als
die Natur nur erlaubt, omnia ad majorem industriae gloriam, alles
zur Hebung der nationalen Industrie und Vermehrung der Kapitalprämie.

Wird dieser Gedanke von Jugend auf mit pädagogischer Virtuosität im
Herzen und im Geist der Arbeiterjugend gepflegt, so kann es nicht fehlen,
die Begehrlichkeit des Arbeitsvolks ist im Keim erstickt, die soziale Revolution
unterdrückt, die Sphinx des Jahrhunderts stürzt sich in den Abgrund, Oedipus
Funke vermählt sich mit der Jokaste Schule und der Schulmeister wird
die wichtigste Person im Staat und bezieht einen Jahresgehalt
von ....

glicht so hitzig, Flügelrößlein Phantasie, und zurück zur Sache. Um
diesen Grundgedanken im Einzelnen durchzuführen, müssen alle Schulfächer
entsprechend behandelt werden. Ich verhehle mir nicht, daß das bei einzelnen
Fächern schwierig sein wird; aber

„Mit viel gutem Willen und etwas Verstand
Macht man den Teufel selber zu Schand".

(NB. Dieses alldeutsch klingende Sprüchlein ist mir soeben aus der
Feder geflossen.)

Z. B. das Rechnen. Das Einmaleins kann man freilich nicht ändern,
aber man kann den Proletarierburschen eine Methode beibringen, welche
ihnen ihre Löhne verhältnißmäßig viel größer erscheinen läßt, als sie wirklich
sind. Das geschieht, indem man ihnen Rechenexempel cinprägt, wie das
folgende:

Beweis, daß eine Katze 6 Schwänze hat.

Keine Katze hat 5 Schwänze, also:

0 Katze — 5 Schwänze,

1 Katze — 1 Schwanz.

Somit 1 Katze — 6 Schwänze.
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