Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 7.1890

Seite: 855
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NaMvort zum medizinischen Kongreß
in Berlin.

>^>!uch auf den wissenschaftlichsten Kongressen
^äV Ward viel und gut getrunken und gegessen,
Ja, essen schien der eigentliche Zweck.

Die Wisseuschast war, dorten mehr, hier minder,
Ein Vorwand nur, das sah sogar ein Blinder, —
Und kam auf alle Fälle nicht vom Fleck.

Auch in Berlin, wie wir mit Lächeln lesen,

Ist man durchaus nicht bechcrfaul gewesen
Und Hering mit Kartoffeln aß man nicht;

Doch ging ein großer, freier Zug durch's Ganze
Und unerschrocken legte man die Lanze
Für Krastgedanken ein voll Gluth und Licht.

Vor allem gilt von einem das der Sprecher;

Ein Sanitälsrath war's, mit Namen Becher
Und ein Berliner war's noch obendrein.

Sein Scheidcgruß soll in die Massen dringen,

Soll glockcntönig weit und weiter klingen
Und in den Massen unvergessen sein.

Er traf in's Herz das Schändliche und Schlimme;
Mit stolzem Ausdruck und crhob'ner Stimme
Warf in die Menge er das tapf're Wort:

„Wenn allgemein der Aerzte Einsicht würde,

Dann würfe ab die Menschheit eine Bürde,

Dann wär's vorbei mit Krieg und Massenmord!

„Es bliebe nichts vom Glanz glorreicher Siege,

Es bliebe nicht« vom Ruhm gewalt'ger Kriege,
Mit dem ein Volk in dummem Wahn sich bläht;
Man würde ihr Gedenken nur erneuern
Als das Gedenken einer Ungeheuern
Und unfaßbaren Bestialität!"

Man hat den Mann vom Pulte nicht gestoßen;
Den Saal durchlief vielmehr ein Beifallstoscu,
Das au die Wölbung donnerähnlich schwoll.

Ist es zu kühn, nach diesem Fall zu meinen,

Die Menschen seien nicht mehr, was sie scheinen,
Will heißen: rühm- und krieg- und siegestoll?

Wir wissen, wer es niemals war: die Masse.
Steigt nur hinab in Lärm und Staub der Gasse
Und fragt die Armen, die ihr nie gekannt.

Sic waren nie für's Schießen, Hau'n und Stechen,
Sie haben glatt und einfach ein Verbreche»

Und eine Rohheit jeden Krieg genannt.

Vcrtraulichkcitcn.

A. : Es ist doch hübsch, daß sich das preußische
Ministerium jetzt, angesichts des Aufhöreus der
Ausnahmezustände, mit dem Sozialismus ver-
trant zu machen sucht.

B. : In wie fern geschieht das?

A.: Na, der Minister hat ja über die Sozialisten-
bekämpfung ein vertrauliches Rundschreiben
erlassen!

An Caprivi.

<^Kaß dich nicht vom Wahn umgarnen,

O Caprivi, laß dich warnen,

Geh' zu streng nicht ins Gericht;

Bitte, bitte, thu' es nicht!

's ist nicht aller Tage Abend,

Tod nicht sind wir und begraben,

Wenn man auch, Gott sei's geklagt,

In die Löcher uns gejagt.

Glaub' uns alten Praktikussen:

Nöthig sind wir den Borussen
Als des Kanzlers rechte Hand,

Nöthiger als Helgoland.

Schön ist's ja, zu bleiben ehrlich,

Dennoch sind wir unentbehrlich,

Und du wirst, wir prophezeihn,

Einst recht froh noch an uns sein.

Nörgler in die Waden beißen,

Reichsseind' dick mit Koth beschmeißen,

Machen einen blauen Dunst:

Meister sind wir dieser Kunst.

Doch womit willst du uns füttern,
Liegt der Futtertrog in Splittern?
Denn wir haben dann nur Muth,

Wenn man uns auch füttert gut.

Meinst du wohl, Herr Miguel lasse
Schöpfen dich aus seiner Kasse?

Glaube solches nicht, sei klug:

Der hat selber nicht genug.

Kein Finanzplan wird dir helfen,

Wenn nicht mehr der Fond der Welfen,
Wenn man uns den Trog zerbricht.

Bitte, Kanzler, thu' es nicht!

Die deutschen Reichsreptilicn z. D.

Des Handwcrksburschcn Abcndlicd.

Wie herrlich und wie labend
Auf meinem Wandergang
Ist doch ein Sommerabend
Mit hellem Vogelfang.

Die Nachtigallen schlagen
Im grünen Buchenhain,

Und knurrend stimmt mein Magen
In das Konzert mit ein.

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in Stuttgart.

Theodor Hork.

Am Morgen des Neujahrstages 1875 herrschte eine starke Aufregung
unter den Arbeitern der Schwcsterstädte Hamburg-Altona. In der vorher-
gehenden Nacht war im Frcimaurcr-Krankcnhausc am Dammthorwall Theodor
Jork verschieden und die Kunde hievon verbreitete sich wie ein Lauffeuer
durch die gcsammte Arbcitcrbevölkerung.

Seit längerer Zeit bereits leidend, verschlimmerte sich schließlich der
Zustand Jork's im Dezember 1874 derart, daß Freunde desselben darauf
bestanden, daß der Kranke ans seiner ärmlichen Wohnung an den Vorsetzen
weg und nach dem Freimaurer-Krankenhaus verbracht wurde. Dort trat
dann die Auflösung in der Sylvestcrnacht ein.

Theodor Jork war geboren am 13. Mai 1830; er erreichte also nur
ein Alter von 44 Jahren. Sohn eines kleinen Breslauer Tischlermeisters,
erlernte der junge Jork das Handwerk seines Vaters und durchwanderte
später als Tischlergeselle Deutsch-Oesterreich, sowie Deutschland. Von hoher
Intelligenz und voll Lerneifer schloß sich der junge Tischlergcscllc den Arbeitcr-
bildungsvereinen an und als er schließlich in Harburg a. d. Elbe den Wander-
stab ans der Hand legte und sich entschloß, dort seine dauernde Existenz zu
begründen, da galt er bald als der allgemein anerkannte Führer des radikalen
Flügels der hannoverischen Arbcitcrbildungsvcreine. Ein etwas trockener,
aber stets sachlicher und vor Allem sehr schlagfertiger Redner, vertrat Jork
von Anfang seiner Thätigkeit im politischen Leben au den proletarischen
Standpunkt und gab er sich besonders nie Täuschungen über den Werth der
Arbcitcrfrcundlichkeit hin, welche zu Anfang der sechziger Jahre die im
Nationalvercin organisirtcn Liberalen zur Schau trugen. Bürgermeister Grum-
brecht von Harburg, eine Säule des Nationalvercius und der hannöverischen
liberalen Partei, ließ es zwar an Versuchen nicht fehlen, den bei den Arbeitern
der unteren Elbstädte unbedingtes Vertrauen genießenden Tischlergesellen an
die liberale Sache zu fesseln, aber die kerngesunde, gerade demokratische Natur
Uork's widerte das Treiben jener Manncsscelcn an, die bei offiziellen Fest-
lichkeiten in loyaler Unterthänigkeit vor dem Welfenkönig erstürben, während

sic heimlich und in ihren politischen Konvcntikcln für die „preußische Spitze"
und die Hegemonie des Hauses Hohcnzolleru in Deutschland wirkten. Uork,
der Demokrat und Republikaner, konnte und wollte mit diesem Doppelspiel
nichts zu thun haben, und als man ihn in eine Zwangslage bringen wollte,
indem ihm auf dem Stiftungsfest des Arbcitcrbildnngsvereins der offizielle
Toast auf den König übertragen wurde, verdarb der ehrliche Tischlergcscllc
Herrn Grumbrccht seine Advokatenkniffe dadurch, daß er auf den König als
den „ersten Diener der Nation" und — auf die Erfüllung des „heißesten
Wunsches aller wahren deutschen Patrioten und Freiheitskämpfer, ans die
Einigung des Vaterlandes als große deutsche Republik" sein Glas leerte. —
Es.war das erste, aber auch das letzte Mal, daß inan Jork mit der Zu-
muthung behelligte, den offiziellen Toast auf den Landesvatcr auszubringen.

Als im Laufe des Jahres 1862 der Gedanke auftauchtc, einen allgemeinen
deutschen Arbeiterkongreß cinzubcrufen, war Port, der im selben Jahre als
Vertreter deutscher Arbeitervereine zur Weltausstellung in London gewesen
war und dort Fühlung mit den Arbeitervcrtrctcru der verschiedenen Länder
und vor Allem auch mit den Mitgliedern und geistigen Leitern des Kom-
munistischen Arbcitcrbildungsvcrcins gewonnen hatte, einer der eifrigsten
Förderer dieses Gedankens. Bekanntlich weigerten sich damals die Führer
der Fortschrittspartei und des Nationalvercius, die Arbeiter in den letzteren
Verein aufzunehmen, oder sie überhaupt au der politischen Aktion Thcil
nehmen zu lassen. „Die Politik hat für die Arbeiter kein Interesse", —
das war die Weisheit, mit der Schulze-Delitzsch und die übrigen Führer
des bürgerlichen Radikalismus das Verlangen der Arbeiter ans Thcilnnhme
am öffentlichen Leben abwicscn. Die Arbeiter — und unter diesen wieder
vor Allem Jork — gaben sich mit dieser Abweisung aber nicht zufrieden.
Schon wurde in ihren Kreisen die Bildung einer selbständigen Arbeiterpartei
mit der Forderung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes als
Hauptpunkt im Programm lebhaft erörtert, und das nächste Jahr brachte
auch bereits die Gründung des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins, nach»
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