Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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236 BESPRECHUNGEN.

zu beschäftigen. Und hier ist das neue Buch ein beachtenswertes Zeugnis für die
Abkehr vom Expressionismus.

Der Expressionismus ist heute schon überwunden; ja, er ist bereits provinziell
geworden. Paris, das (so ungern wir diesen Satz heute niederschreiben) in den
letzten Jahrzehnten tonangebend für die europäische Malerei war, geht einem neuen
Klassizismus entgegen. Picasso predigt nun statt des Futurismus den Passeismus,
und malt im Stile des vielgescholtenen Klassizisten Ingres; Matisse hat eine ähnliche
Wandlung durchgemacht; Derain scheut sich nicht, die »braune Tunke« der alten
Niederländer, mit welcher der Impressionismus ein Ende machte, in seinen Bildern
neu aufleben zu lassen. Deutschland folgt nach; allenthalben scheint sich aus dem
Chaos ein Kosmos, aus dem Expressionismus ein neuer Klassizismus zu gebären.

Wenn auch Faistauer keine letzten Lösungen gibt (denn der Umschlag vom
Expressionismus zum Klassizismus ist unstreitig Symptom einer allgemeinen Umstel-
lung unseres gesamten Lebensgefühles), so ist sein Verdienst doch gar nicht hoch
genug einzuschätzen. In diesem Buche bricht — meines Wissens zum ersten Male —
ein deutscher Künstler mit der verlogenen Phraseologie des Expressionismus und
stellt derselben wieder den Willen zur reinen Kunst entgegen. Manche Ausfüh-
rungen Faistauers, so die über die Zusammenhänge des Expressionismus mit dem
Osten, mit der Gotik, mit dem Dekorativen, mit dem Primitiven sind außerordent-
lich klug und klar. Als Anknüpfung für seine ästhetischen Betrachtungen gibt er
eine Charakteristik der Maler Klimt, Schiele, Wiegele, Kolig, Kokoschka und Kubin,
die, unterstützt durch sehr schönes Bildermaterial, als eine Einführung in die zeit-
genössische österreichische Malerei dienen kann.

Die klassische Formfreude Wiegeies, der barocke Überschwang Koligs, der ver-
bissene Subjektivismus Kokoschkas scheinen Faistauer die Grundtendenzen der
jungen österreichischen Kunst auszusprechen. Gegenüber dem Expressionismus,
der alle Brücken zur Historie abbrechen wollte (und nicht konnte), und der verächt-
lich auf das Handwerkliche in der Kunst herabsah, finden wir wieder den Willen
zu kontinuierlicher Entwicklung, und den Willen zur handwerklichen Tüchtigkeit,
aus welcher allein eine große Kunst entspringen kann. Wir glauben, daß das neue
Buch geeignet ist, mit vielen phrasenhaften und snobistischen Ideologien aufzuräu-
men und so mitzuhelfen beim Wiederaufbau der modernen Kunst.

Kufstein.

Ludwig von Bertalanffy.

Hans Fehr, Das Recht im Bilde. Mit 222 Abbildungen. Eugen Rentsch Ver-
lag, Erlenbach-Zürich, München u. Leipzig, 1923 (Fehr, Kunst u. Recht Bd. I).
Der angesehene Heidelberger Rechtshistoriker will in drei Bänden »Kunst und
Recht« in ihren Wechselbeziehungen schildern, der zweite Band soll das Recht in der
Poesie vom Nibelungenliede an, der dritte Band soll die Poesie im Recht nach dem
großen Vorbilde Jakob Grimms geben. Hier liegt das Recht in der bildenden Kunst,
genauer eigentlich nur in der malenden und zeichnenden Kunst vor, von plastischer
Kunst findet sich nicht viel (die Rolandsbilder, die Breslauer Staupsäule, der Frei-
heitsstein von St. Gallen, ein interessantes Grabmal eines hingerichteten Ritters usw.);
die Architektur, die viel zu bieten hätte, und die Gartenkunst sind ganz ausge-
schieden, auch von Münzen findet sich leider gar nichts. Aber in dem gewählten
Rahmen hat der Verfasser ein überaus reichhaltiges, kostbares Material in mühe-
voller Sammlung zusammengetragen, das er freigebig vor dem Leser und Beobachter
ausbreitet. Es sind zum größten Teile Kostbarkeiten der älteren deutschen Kultur-
welt von hohem Werte, die er hier in anschaulicher Weise einem weiten Kreise
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