Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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240 BESPRECHUNGEN.

ist.« Wo wir Ähnlichkeiten oder Gleichheiten begegnen, ist natürlich der Krankheits-
prozeß nicht die bewirkende Macht, es bedarf vielmehr stets der behutsamen Frage,
wie die Krankheit den künstlerischen Charakter beeinflußt. Selbst wo sie ihn gleich-
sam mobilisiert, erzeugt sie ihn doch nicht. Aber der Kranke erfährt vielleicht Er-
schütterungen, die der Gesunde gemeinhin nicht kennt; sein Gefühlsleben wird auf-
gepflügt in einer Weise, die nach Ausdruck schreit; Visionen bedrängen ihn. In
seiner mustergültigen pathographischen Analyse über »Strindberg und van Gogh«
(1922) sagt Karl Jaspers: »Man könnte über die Tatsache der Verbindung subjek-
tiver Tiefe mit beginnender Geisteskrankheit Reflexionen anstellen; daß sooft in der
Welt das Gegensätzliche aneinander gebunden, das Wertpositive durch Wertnegatives
erkauft werden muß. Es könnte vielleicht die größte Tiefe des metaphysischen Er-
lebens, das Bewußtsein des Absoluten, des Grauens und der Seligkeit, im Bewußt-
sein der Empfindung des Übersinnlichen da gegeben sein, wo die Seele so weit
aufgelockert wird, daß sie als zerstörte zurückbleibt.« Und häufig versinken kriti-
sche Hemmungen, die den Normalen zügeln und einschließen, dann brechen — in-
haltliche und formale — Kühnheiten durch, die stärkstes Verwundern erregen, und
doch an sich nicht wunderbarer sind als manche Kühnheiten des Kindes. Ferner
scheint mir die bei seelisch Erkrankten häufige Tendenz zur bildlichen Darstellung
— die ganze Freudschule handelt von ihr — bisweilen der künstlerischen Gestaltung
förderlich. Statt des abstrakten, satzförmigen Gedankens tritt ein Bildsymbol auf.
Der abstrakte Satz wird wörtlich genommen und in einer bildhaften Szene zur Dar-
stellung gebracht. Ernst Kretschmer (»Über Hysterie« 1923) gibt einmal folgendes
Beispiel: »Das ,Kopfverlieren' wird mit einer drolligen Deutlichkeit durch den Fall
des Kopfes in den Waschzuber versinnbildlicht. Auf diesem Wege finden wir ebenso
ganz abstruse Symbole wie auch ungemein packende. Ihre künstlerische Wertigkeit
ist vom Kranken her gesehen oft nur ,zufällig'. Auch dürfen wir nicht vergessen,
daß keineswegs bloß seelische Erkrankungen unter Umständen produktives Schaffen
günstig beeinflussen oder mobilisieren können.« Ich führe nur ein Beispiel an: ein
sehr tüchtiger Offizier büßt im Kriege beide Beine ein. Das lange Krankenlager
weckt philosophische Betrachtungen; es werden wissenschaftliche Werke gelesen.
Endlich entsteht die Neigung, einen gelehrten Beruf zu wählen. Und der vormalige
Offizier bewährt sich ausgezeichnet in ihm. Sicherlich hat nicht der Verlust der
beiden Beine die wissenschaftliche Begabung »hervorgerufen«, aber er zeitigte eine
Konstellation, in der diese Begabung sich durchsetzen und entfalten konnte. Solche
Gelegenheiten bieten zuweilen auch ganz andere Lebenslagen. Jeder kennt die
überschwengliche Poesie der Pubertät und der Bräutigamszeit. Die ferne Geliebte
wird ersehnt. Was die Wirklichkeit nicht schenkt, besingt verherrlichend das Lied.
Doch diese Spannungen glätten sich, wenn Traum Erfüllung wird. Und die im
Leben gestrandete Frau, der vom Leben ausgeschiffte Mann: sie flüchten häufig in
die tröstenden Arme der Kunst. Aber diese Gelegenheitsdichter — diese Notdich-
ter — versanden doch meist in banalem Dilettantismus, in verstiegener Program-
matik oder chaotischer Gefühlsschwelgerei, wenn nicht in dürrer Konvention. Die
günstigste Mobilisierungsbedingung fruchtet eben wenig, wenn es nichts zu mobili-
sieren gibt. Gleiches gilt vom Geisteskranken. Das weiß Prinzhorn sehr wohl,
aber man muß immer wieder den verführerischen Gedanken an »übernatürliche
Wunder« ablehnen, besonders in unserer Zeit, wo jegliche Mystik bunte und giftige
Blüten treibt. (Vgl. auch die Schrift von Richard A. Pfeifer, Der Geisteskranke und
sein Werk 1923.)

Gerade nach Abstreifung aller umnebelnden Verdunkelung erschließt sich unge-
heure Problematik, voll lockender Aufgaben. Vergleichende Psychologie und Ent-
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