Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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BESPRECHUNGEN. 241

•Wicklungspsychologie gewinnen neuen Stoff und neue Ziele. Wie verhalten sich
die Bildnereien der Jugend und der primitiven Völker zu denen der Geisteskranken?
Die schlagenden Übereinstimmungen kann niemand übersehen: woher rühren sie?
Was bedingt ferner die Unterschiedlichkeiten? Gewiß hat Hans W. Gruhle recht,
der vor einer zu weiten und unkritischen Einfühlung warnt — auf diesem Gebiet
wird viel gesündigt — aber jene Möglichkeit des Mißbrauchs darf nicht die Wissen-
schaft verängstigen, sondern bloß zu strengerer Methodik aneifern. Und die oft tiefe,
manchmal sehr verzwickte Symbolik geisteskranker Bildnereien vermag Aufschluß zu
geben der Mythen- und Sagenforschung, die wieder rückwirkend unser Material durch-
leuchtet. Auch die Religionspsychologie wird nicht achtlos an ihm vorübergehen
können. Ich zeige nur ein einziges kleines Beispiel aus der Völkerpsychologie, in
engem Anschluß an Prinzhorn: wenn zahlreiche Bildwerke Geisteskranker nachweis-
lich ohne Beeinflussung durch Vorbilder die engste Form- und Ausdrucksverwandt-
schaft mit zahlreichen Werken primitiver Bildnerei zeigen, so ist das eine starke
Stütze für die Menschheitsgedanken und gegen die wandernden, durch direkte Be-
rührung sich ausbreitenden Völkergedanken; für das Vorhandensein von Elementar-
gedanken und gegen die intellektualistische Übertragungstheorie, Demnach würden
in jedem Menschen eine Reihe von Funktionen latent liegen, die unter bestimmten
Bedingungen überall und immer zu wesensgleichen Abläufen zwangsmäßig führten.
So zum Beispiel bestünde ein Umkreis von formalen Varianten, in den jeder Ver-
such eines Ungeübten, zum ersten Male eine menschliche Figur zu formen, unbe-
dingt hineinfiele, wenn man tatsächlich alle störenden individuellen Sonderkompo-
nenten ausschließen könnte. Dies ist nun bei einem Anstaltsinsassen, der längere
Zeit von der Außenwelt abgeschlossen wird, in »hohem Maße« der Fall. Dieses
»hohe Maß« müßte allerdings sorgsam nachgeprüft werden.

Die interessantesten Bildwerke und jene, welche einer Deutung die größten
Schwierigkeiten entgegensetzen, stammen von Schizophrenen. Diese Psychose ist
heute — seit den grundlegenden Arbeiten Kraepelins und Bleulers — überhaupt
das große Thema der Psychiatrie. (Vgl. z. B. das Sammelreferat von Karl Wilmanns
im 78. Bande der Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie.) Das Wort
Schizophrenie weist auf die verschiedenartigen Spaltungssymptome hin, die nie fehlen.
Die seelischen Vorgänge gehorchen dem Willkürgesetz eines selbstherrlichen, von
der Außenwelt unabhängig gewordenen Ichs. Dieses Ich schaltet frei mit allen Er-
lebnissen, seien es Sinneseindrücke, Einfälle, Erinnerungsvorstellungen, Träume, Hal-
luzinationen, Gedankenkombinationen — alles hat gleiche Anwartschaft, als »wirklich«
zu gelten, wenn das automatische Ich es so will. Aus dieser Selbstherrlichkeit nährt
sich, was wir Größenwahn nennen: das Gefühl, begnadet zu sein, eine Mission zu
haben, die Welt erlösen zu müssen, ein Fürst, Christus, Gott zu sein. Aus dieser
zwangsmäßig erlebten Herrlichkeit entspringt auch das Verlangen, aktiv auf die Um-
welt einzuwirken, sie mit magischen Gewalten nach Belieben zu modeln, wobei eine
kritische Einschätzung des tatsächlichen Erfolges nicht in Frage kommt. So baut
sich der Schizophrene in völliger Vereinzelung, ganz in sich selbst gekehrt, aus trieb-
haftem Einfall in hemmungsloser Willkür seine eigene Welt. Völlig in diesem Sinne
sagt ein junger Patient Vera Straßers: »Ich habe den Mund zu mir aufgemacht«,
und nach außen habe ich »nur einen Schimpfredefluß«. Und eine sehr intelligente
Kranke — ein Fall, den Alfred Storch veröffentlicht hat — klagt immer wieder, daß
sie sich heraussehne aus der unwirklichen Traumwelt in die frühere Wirklichkeit in
»die Welt des Gemüts und der dampfenden Kaffeetassen«, wie sie einmal sich aus-
drückt. Aber trotzdem wertet sie ihre Phantasiewelt höher ein: »das geistige Leben
ist stärker als das erlebte Leben, das Reich der Idee stärker als das wirkliche Leben«.
Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XVIII. 16
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