Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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KAARLE S. LAURILA.

Es ist nun ohne weiteres klar, daß alle diese Gründe auch nicht
zusammen eine fortgesetzte, geschweige denn endgültige Vernach-
lässigung der ästhetischen Modifikationslehre rechtfertigen können.
Sollen unsere Gedanken über das ästhetische Lebensgebiet ein Ganzes
bilden und zu einer ästhetischen Weltanschauung werden, dann müssen
wir notgedrungen unsere ästhetischen Grundsätze auch nach der Seite
der Modifikationslehre hin zu Ende denken. Wir müssen prüfen, was
von der überlieferten ästhetischen Modifikationslehre bestehen bleiben
kann und was über Bord geworfen werden muß, wenn wir nach un-
serer Methode und nach unseren Grundsätzen dieses Gebiet unbe-
fangen revidierend durchwandern.

Von den gegenwärtigen Ästhetikern hat vor allen Johannes Volkelt
dies für seinen Teil getan. In dem zweiten Band seines ästhetischen
Systems hat er die Lehre von den Modifikationen mit einer Ausführ-
lichkeit und Gründlichkeit behandelt, die kaum etwas zu wünschen
übrig lassen. Ich halte auch dieses Erzeugnis Volkeltscher Gedanken-
arbeit, wie überhaupt seine ganze Leistung auf dem Gebiet der
Ästhetik, für hervorragend; und eben weil ich Volkelt als Ästhetiker
so besonders hochschätze, finde ich es interessant und lohnend, ab-
weichende Gedanken und kritische Betrachtungen auch etwas ausführ-
licherer Art an seine Darlegungen anzuknüpfen. Doch ist es keines-
wegs meine Absicht, hier eine allgemeine kritische Würdigung der
Volkeltschen Modifikationslehre zu liefern. Ich will vielmehr nur einige
Randbemerkungen zu diesem Werk machen, d. h. ich will zunächst,
an die Ausführungen Volkelts anknüpfend, meine eigenen Gedanken
über einige Punkte der ästhetischen Modifikationslehre entwickeln, in
denen ich von der Ansicht Volkelts abweiche, oder Fragen berühren,
zu denen die ästhetische Modifikationslehre meiner Ansicht nach sonst
Anlaß gibt.

Es gibt nun gleich zwei solche Fragen allgemeiner Art, über die
man im klaren sein muß, bevor man in die Behandlung der Einzel-
fragen der Modifikationslehre eintritt. Die erste von diesen Fragen
ist die: Welche Stellung und relative Wichtigkeit kann und
soll die Lehre von den ästhetischen Modifikationen in der
Ästhetik haben?

Es ist bekannt, daß die ältere Ästhetik, zumal die spekulative
Ästhetik des 19. Jahrhunderts, von der die Modifikationslehre eigent-
lich ausgebaut wurde, diesem Teil der Ästhetik eine sehr zentrale
Stellung gab und ihm eine hohe Bedeutung beimaß. Ja, man kann
beinahe mit Fechner sagen, daß die Fragen der Modifikationslehre,
d. h. die Begriffsbestimmung des Schönen, des Erhabenen, des
Häßlichen, Komischen, Tragischen usw. und ihre weitere Einteilung
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