Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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BESPRECHUNGEN. 12Q

wohl zusammenfassend das bezeichnen, was der Verfasser unter naturalistischem,
idealistischem usw. Stil versteht), Qattungsstil (dramatisch, episch, plastisch, male-
risch usw.). Diese Bedeutungstypen werden in etwas scholastischer Manier nach-
einander abgehandelt, auf die interessanteren Fragen, die sich aus ihrer gegen-
seitigen Beeinflussung und Ineinanderschiebung, z. B. von Orts-, Zeit- und National-
stil ergeben, geht der Verfasser nur flüchtig ein. Was beim Materialstil über Sur-
rogate geäußert wird, erregt Widerspruch; ein Surrogat, das »all die Wirkungen
bietet, die dem Material eignen, das es vertritt«, gibt es eben nicht. Auch daß
wirkliche Zweckmäßigkeit keinen ästhetischen Faktor darstellt, sondern die bloße
Erregung einer Zweckvorstellung genügt, um den Eindruck des Stilvollen hervor-
zurufen, wird man dem Verfasser schwerlich glauben. Denn für die Geltung eines
Begriffs muß doch wohl die den Umständen nach schärfste Prüfung vorausgesetzt
werden. Hält die Zweckmäßigkeit der praktischen Inanspruchnahme nicht stand,
so besteht sie überhaupt nicht und die erregte Vorstellung ist nichtig. Trotz
dieses ungenügenden Standpunktes gegenüber dem Zweckstil wird der Verfasser
den modernen Leistungen dieses Stils durchaus gerecht, wie denn überhaupt sein
warmes Empfinden für die Bestrebungen der modernen Kunst immer wieder wohl-
tuend berührt. An einer Reihe geschickt ausgewählter Vergleichsabbildungen, unter
denen sich beispielsweise auch die Hauptbahnhofshalle in Dresden, die Turbinen-
fabrik der Berliner A.E.G. und der Nibelungenbrunnen Franz Metzners befinden,
sucht der Verfasser seine Ausführungen genauer zu erläutern.

Greifswald. Max Semrau.

Sophus Hochfeld, Das Künstlerische in der Sprache Schopenhauers.
Leipzig 1912, J. Ambr. Barth. XII u. 170 S.

Es ist gut, daß der Verfasser sich selbst als gereiften Mann vorstellt; man
würde sonst an die Arbeit eines Anfängers denken. Jugendliche Phrasenfreude,
Unfähigkeit Wichtiges und Unwichtiges zu scheiden, oder Neues und Altes — das
alles macht den darstellenden Teil so unerfreulich wie unergiebig. »Er kündet,
was er sah. Aber was sah er? —Mehr als gewöhnliche Sterbliche!« (S. 31).
Das ist so ungefähr der Stil. Die anspruchsvollen Satzbilder (S. 93) vermögen keine
wirklich eindringende und fördernde Erkenntnis vorzutäuschen. Sogar das Augen-
fälligste, die Vorliebe für starke Ausdrücke, wird weniger erklärt als in banaler
Weise entschuldigt. — Wert besitzt nur die unveränderte Stoffsammlung der An-
hänge; doch kann ich nicht nachprüfen, ob wirklich Ausdrücke wie »Objektivation«
(S. 102) erst von Schopenhauer geprägt sind. Die Vergleiche (S. 123 f.) und die
Schimpfwörter (S. 157 f.), deren Sammlung mich besonders ergötzt hat, sollten wie
die anderen Belege mit Angabe der Fundstellen zitiert werden. Lehrreich ist auch
die Auswahl der Epitheta ornantia (S. 151 f.).

Berlin. Richard M. Meyer.

Die Musikästhetik der Frühromantik. Fragment einer wissenschaftlichen

Arbeit von Werner Hubert. Als Manuskript gedruckt. Kommissionsverlag

von Gottl. Schmidt, Remscheid 1911. IX, 149 und 7 unbezifferte Blätter.

Mit dem Wiederaufleben der alten deutschen Romantik in Wissenschaft und

Kunst rückt ein wesentlicher Teil dieser großen, in sich geschlossenen Bewegung

in den Blickpunkt des Interesses: die Musik und die Musikästhetik. Bisher hat

man nur an einzelnen romantischen Vertretern, meist durch Zusammenstellung von

Zitaten, ihr Verhältnis zur Musik untersucht. An erster Stelle regten E. T. A. Hoff-

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. IX. 9
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