Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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570 BESPRECHUNGEN.

An dieses Verdienst Schillers wird man durch das Buch von Bolze wieder er-
innert, der, von Kant ausgehend, die einzelnen Entwicklungsetappen Schillers fein
nachfühlend wiedergibt und zwischen den Gedanken des Dichters, ohne sie in ihrer
regsamen Eigenart zu beschneiden — und denen Kants, eine verbindende Brücke
herstellt.

Charlottenburg. Salomon D. Steinberg.

Karoline Michaelis, Eine Auswahl ihrer Briefe, herausgegeben von Helene
Stöcker. Österheld u. Co., Berlin 1912. XXVIII u. 217 S.
Es ist sehr erfreulich, daß in dieser handlichen und wohlfeilen Ausgabe der
Versuch gemacht wird, das Bild dieser einzigartigen und hochbedeutenden Frau
sehr viel größeren Kreisen näher zu bringen als es bisher geschehen, und daß dies
von seiten einer warm nachfühlenden Frau geschieht, die ihre sonstigen Überspannt-
heiten vor diesem Leben der Wahrhaftigkeit, Güte und hohen geistigen Kultur in
verständnisvoller Verehrung verstummen läßt und uns einige vorzügliche Bemer-
kungen und tiefdringende Formulierungen über Karoline gibt. Von Seiten der offi-
ziellen Literaturgeschichte ist Karoline Schlegel (oder welchen der Namen man ihr
sonst beilegen mag) bei aller Würdigung ihrer geistigen Bedeutung doch mit einem
etwas dumpfigen Hochmut moralischer Art behandelt worden, und weiteren Kreisen
ist diese Frau, die Anmut und Mut in so seltener Weise verband, ein Literatur-
schemen, dessen eigentliche Lebensessenz nicht wirklich in ihrer Bedeutung erfaßt
wird. Und doch steht sie gerade der modernen Frau unendlich nahe. Es fragt
sich nun, ob es durch eine Auswahl der Briefe erreicht werden kann, Karolinens
Wesen in aller Notwendigkeit und Lebendigkeit erstehen zu lassen. Mir scheint
dies nicht möglich und daher auch nicht gelungen zu sein, und die Auswahl, deren
Erscheinen sich dadurch völlig rechtfertigt, daß die Waitz-Briefe seit Jahren ver-
griffen sind, wird wohl immer nur dazu dienen können, anregend das Interesse zu
wecken und dann zu dem Studium der vollständigen Briefsammlung zu führen.
Gerade die höchst verworrenen zeitgeschichtlichen und persönlichen Schicksale
Karolinens erfordern, daß man Schritt für Schritt mit ihr geht, um sie ganz zu ver-
stehen, und sie ist gerade zu wenig »Literaturweib«, zu sehr mit allem konkreten
Erleben auch in ihrer geistigen Bedeutung verknüpft, als daß mit einer Auswahl,
wie sie etwa bei geistreichen Glanzbriefen möglich wäre, irgend etwas Wesentliches
von ihr gegeben wäre. Auch die Hineinbeziehung von Briefen ihrer Freunde an
sie und über sie (aus anderen Briefsanimlungen) kann diesem Mangel nicht ab-
helfen. Selbst Karolinens unendlich vornehmes und geduldiges Verhalten gegen
ihren Gatten A. W. Schlegel, der ihr gegenüber zwar einmal sehr edel handelte,
im Grunde aber ein unausstehlicher kleinlicher Patron blieb, kommt durch diese
Auswahl nicht in die richtige Beleuchtung. So werden die Kenner der Waitzschen
Briefe zwar dieses Unternehmen einer Auswahlsammlung als sehr dankenswert be-
grüßen, es aber nur als propädeutisches Werk betrachten können.

Berlin-Halensee.

Lenore Ripke-Kühn.

Alois Heers, Das Leben Friedrich von Matthisons. Leipzig 1913, Xe-

nien-Verlag.

Goethes überragende Persönlichkeit erdrückte eine Menge kleinerer Dichter

des 18. Jahrhunderts, so daß uns von vielen nur noch die Namen bekannt sind,

mit denen wir kaum noch Werturteile verknüpfen, wenn uns nicht Spezialstudien
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