Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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576 BESPRECHUNGEN.

so kann wohl kein Zweifel an seiner ausgesprochen erotischen Veranlagung sein.« ...
S. 51 heißt es von der Liebe: »wohl für keinen andern Affekt ist die Möglichkeit
der Befriedigung so erschwert, wie für diesen. Besonders in unserer Kultur bringt
es die Stellung der Frau mit sich, daß sehr viele vom normalen Geschlechtsverkehr
ausgeschlossen sind, nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Hier nun bietet die
Dichtung einen gewissen Ersatz, indem sie wenigstens in der Phantasie diejenigen
Erlebnisse verschafft, die die Realität nicht zu bieten vermag.« ...

Auf derselben Stufe wie solche Meinungen steht der Stil. Nur wenige Proben:
S. 37 (über Aristophanes): »In unserer Zeit wäre aus Gründen polizeilicher
Gefährdung eine solche Offenheit der Polemik nicht mehr möglich . . .« (von
mir gesperrt). S. 16: »Wir machen jedenfalls den Schluß, daß alle diejenigen Stil-
formen, welches Ursprungs sie auch seien, die sich dauernd zu halten vermocht
haben, der Psychologie des Publikums gut angepaßt gewesen sein müssen, weil
sie sich sonst nicht gehalten hätten.« Offenbar verwechselt unser Psychologe »Psy-
chologie« und »Psyche«, ganz abgesehen davon, daß erst umgekehrt ein Schuh
daraus wird: das Publikum paßt sich an und nicht der Stil. Manches verstehe ich
beim besten Willen nicht: S. 12: »Der Naturalismus suchte sie (diese Bereicherung)
in einer bloßen Vermehrung des gewöhnlichen Lebens, die Romantik in einer Flucht
aus dem gewöhnlichen Leben, die jedoch immer auf gleicher Basis blieb.«

Gern will ich anerkennen, daß sich, besonders in den beiden letzten Kapiteln,
manche treffende Bemerkung findet und daß eine Ahnung der eigentlichen Fragen
hin und wieder aufblitzt — aber im ganzen sehe ich nicht, wem das Büchlein, das
sich an ein breiteres Publikum wendet, nützen könnte. Wer andere klären will,
muß selber klar sein; wer andere erziehen will, zum Kunstgenuß oder zu anderem,
muß ein Charakter sein und kein Vermischter oder Verwischer.

München. Eugen Lerch.

Frederik Poulsen, Die dekorative Kunst des Altertums. B. G. Teubner,
Leipzig und Berlin 1914 (Bd. 454 der Sammlung »Aus Natur und Geistes-
welt«). 99 S. mit 112 Abbildungen.

Der bereits durch andere ebenfalls bei Teubner erschienene, grundlegende
Werke über das gleiche Gebiet als trefflicher Historiker bekannte Verfasser gibt
hier eine populäre Darstellung des antiken Kunstgewerbes, zu der er durch den
Lehrverkehr mit seinen Schülern am Technologischen Institut in Kopenhagen ange-
regt wurde: diesen seinen Schülern verdankt er die Betonung des Technischen,
das an vielen Stellen innigere Verknüpfung des Materials schafft und somit wohltätig
in Erscheinung tritt. Es ist erstaunlich, wie viel und wie vollständiges Material
hier auf kleinem Räume geboten wird, wobei alle Neufunde mitberücksichtigt sind.
Mitteilung solchen Materials war des Verfassers Aufgabe; verbindende systema-
tische Gesichtspunkte konnte er nur gelegentlich einstreuen. Dafür aber ist die
systematische Kunstwissenschaft dankbar, daß hier ein reiches und im wesentlichen
vollständiges Material leicht übersehbar gemacht worden ist: denn sie braucht
gerade solches gedrängtes historisches Material, um die Gesichtspunkte, welche sie
durch systematische Forschung gefunden hat, an ihm leicht nachprüfen und weiter
ausbilden zu können.

Das erste und das letzte Kapitel scheinen mehr zur zeitlichen Abrundung des
Ganzen angefügt zu sein; das erste Kapitel gibt in recht loser Reihung nicht allzu
viel Material aus der steinzeitlichen Prähistorie; und beim letzten Kapitel sind wir
erstaunt, den Verfasser den im übrigen so brauchbaren Leitfaden von Blüte und
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