Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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Besprechungen.

Friedrich Gundolf, Goethe. Berlin, Georg Bondi, 1917. gr. 8°. 795 S.

Blicken wir zurück auf die Reihe von Vorgängen, durch welche Wert, Wesen
und Bedeutung der großen dichterischen Persönlichkeiten erfaßt und zu einer bil-
dungsgeschichtlichen Überlieferung verdichtet worden sind, so finden wir die frucht-
baren und entscheidenden Aufschlüsse, soweit sie überhaupt literarische Form an-
genommen haben, fast ausschließlich in gelegentlichen Äußerungen und Einzel-
urteilen niedergelegt, in Kundgebungen, die unter dem Eindruck der künstlerischen
und menschlichen Totalität, mit dem Blick auf das Ganze der schöpferischen Person,
den geschichtlichen oder gesetzlichen Zusammenhang des Geisteslebens entstanden
sein mögen, aber andern Ursprungs, anderer Anlage sind und andere Mittel ge-
brauchen als die auf dem Gebiete der historischen Wissenschaften erwachsenen
Formen der Biographie, deren große Beispiele mit diesen Leitbegriffen ihre Aufgabe
umschrieben haben. Zwischen urteilslosem Nachreden und peinlicher Beschränkung
auf das Selbsterforschte bestehen viele Möglichkeiten einer lebendigen Gesamtüber-
zeugung von nationaler Kunst und Art, sind verschiedene Grundlagen zu Gemein-
vorstellungen von der persönlichen Eigentümlichkeit der großen Vertreter des
nationalen und menschlichen Geistes gegeben. Es ist nicht gleichgültig, aus welchen
Kreisen heraus sie verbreitet werden und welche Form sie annehmen. Wie sie
auch heute noch die verschiedenen Schichten der Bildung beherrschen, sind sie
nicht durchgängig aus solidem, auch nicht aus reichem Material erbaut. Trotzdem
ist es der Wissenschaft, der reichhaltige und durch sorgsam geprüfte Methoden als
zuverlässig verbürgte Stoffmassen zur Verfügung stehen, bisher nur in recht be-
scheidenem Umfang geglückt, auf die Gestaltung dieser Überzeugungen und Ideen
Einfluß zu gewinnen. Ihre Einwirkung brachte es kaum dahin, tatsächliche Korrek-
turen durchzusetzen. Die deutsche Bildung insbesondere ist gewohnt, von der
literarhistorischen Forschung um so weniger zu erwarten, je höhere Aufgaben diese
sich stellt.

Trotz diesen Erfahrungen und Neigungen unserer bildungsgeschichtlichen
Tradition, die allerdings durch so manche Unzulänglichkeit dieser Wissenschaft
neuen Anlaß zu bestärktem Verharren in dieser Gesinnung fand, deuten einige An-
zeichen auf einen Wandel der Lage hin, und es ist Sache der beteiligten Wissen-
schaft, diese Zeichen zu deuten.

Der Erwartung, von einem in größeren Dimensionen ausgeführten Bilde be-
deutender Persönlichkeiten nicht bloß eine Zusammenfassung und Weiterführung
tatsächlicher Feststellungen und Erkenntnisse, sondern eine von Grund auf neue
Auseinandersetzung mit den Erscheinungen und eine frische Anschauung zu er-
halten, kommt ein verhältnismäßig junges Bildungsbedürfnis zu Hilfe. Das Ver-
langen nach einem vertieften Verständnis des produktiven Menschen, das sich nicht
mit der Rechenschaft über die eigene Erfahrung und ebensowenig mit der rhapso-
dischen oder aphoristischen Mitteilung noch so lebhafter Eindrücke, noch so weit-
führender Einfälle zufriedengibt, ist ein Teil jener Kraft, die vom Fragment und
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