Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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208 BESPRECHUNGEN.

tieren, in einem stärkeren Orade faßbar zu machen, als es seit Schiller und Hum-
boldt seinen Vorgängern gelungen ist, sondern auch den poetischen Gehalt der
Dichtung in ganz anderer Weise auszuschöpfen. Wenn Gundolf dabei stets vom
Erlebnis ausgeht, so lehnt er doch jeden kausalen Schluß ab und begnügt sich,
über die geistige Struktur, den geschichtlich-biographischen Platz und den seelischen
Sinn Aussagen zu machen. Zu diesem Zweck ist er genötigt und imstande, sich
über Begriffe, Grundfragen und Relationen allgemeinster Art, wie Geist, Sprache,
Form, den einzelnen und die Gesellschaft, die Geschlechter, Schicksal, Jugend und
Alter auszusprechen. Er vollbringt dieses, aus dem Gehalt seines eigenen Daseins
schöpfend, nicht bereitgehaltene allgemeine Maximen auf einen einzelnen Fall an-
wendend, sondern der Erscheinung hingegeben und in dieser Hingabe sich der
Gesetzlichkeit bewußt werdend. Dadurch hat er dem Begriff des klassischen
Menschen, den wir so oft als leere Voraussetzung angewendet sehen mußten, einen
positiven Sinn gegeben. Er konnte das nur vollbringen durch eine Darstellung,
deren Umfang an die Ausdauer des Lesers nicht geringe Anforderungen stellt.
Aber — damit lenken wir zu unserem Ausgangspunkt zurück — angesichts des
Zustandes der heutigen Bildung liegt das Entscheidende darin, daß die Gesamt-
auffassung, die in knapperer Form gewiß klarzustellen war, sich in der durch-
geführten Einzelbetrachtung zu bewähren hatte. Gundolfs Buch ist keine Aus-
walzung eines Einfalls, keine Abhetzung einer Methode, es ist ein groß geartetes
Denkmal für den größten deutschen Menschen, unternommen und zu Ende geführt
in einer Gesinnung und mit einer Kraft, deren Vorhandensein uns mit Zuversicht
für unser Volk und Zeitalter erfüllen darf. Es ist eine Ausnahmeleistung, aber die
Literaturwissenschaft würde übel beraten sein, wenn ihre Vertreter sich mit ehrlich
gemeinten Achtungsbezeigungen begnügten und nicht alles daran setzten, das neu
bestimmte Niveau einzuhalten.

Berlin-Grunewald. Hugo Bieber.

Wilhelm Wundt, Völkerpsychologie. Dritter Band: Die Kunst. Dritte,
neu bearbeitete Auflage. Mit 62 Abbildungen im Text. Alfred Kröner Verlag
in Leipzig, 1919. XII und 624 Seiten.
Eine dritte, neu bearbeitete Auflage des umfangreichen Kunstbandes aus der
Völkerpsychologie! Wahrlich, immer wieder staunenswert sind die geistige Frische
und der nie stockende Fleiß, die Wundt zu dieser — ein Menschenleben weit über-
steigenden — Leistung befähigen. Und wer fände nicht in diesem — man darf
wohl getrost behaupten — international berühmten Werke eine blendende Fülle
reifen Wissens, ruhige Weite des Blickes, meisterliche Erfahrung des Alters, das
zahllose geistige Schätze aufgestapelt hat? Aber keiner Empfehlung bedarf dieses
Buch, das jeder Fachmann kennt, und das Vertreter der verschiedensten Wissens-
zweige als höchste Autorität zu Rate ziehen, wenn sie erkunden wollen, was »die
Psychologie« zu einem bestimmten Problem zu sagen hat.

So gern ich lediglich dem Gefühl der Ehrfurcht Ausdruck liehe; der Kritiker
darf nicht schweigen. Selbstverständlich ist es, daß Wundt — der fast um zwei
Menschenalter die heutige wissenschaftliche Jugend überragt — in vieler Hinsicht
die Dinge anders als diese sieht und ausdeutet. Aber es wäre kleinlich, in einer
Besprechung da einzuhaken. Hier wird der Betrieb der Wissenschaft selbst ent-
scheiden. Wundts Lehren — getragen und beflügelt durch die Autorität seiner Per-
sönlichkeit — überspringen jedoch das Gehege der Fachwissenschaft, die zu selbst-
ständiger Urteilsbildung befähigt ist. Er redet recht eigentlich zur ganzen wissen-
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