Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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310 BESPRECHUNGEN.

Zusammenfassend möchte ich noch bemerken, daß die Kategorien des Ver-
fassers streng genommen nur für die Architektur, dagegen meist sehr wenig für die
Plastik und oft gar nicht für die Malerei der betreffenden Stile passen. Denn um
nur ein Beispiel herauszugreifen, so wird man sich unter einer richtungslos bewegten
Form beim Anblick Watteauscher Gemälde schwerlich etwas denken können.

Noch bedenklicher scheint mir der ausdrückliche Verzicht des Verfassers auf
jede Art von künstlerischer Wertung, wie er sich in folgenden Sätzen ausspricht.
»Wenn uns eine Periode als Aufstieg und eine andere als Niedergang erscheint, so
trägt allein unsere Abhängigkeit vom eigenen Geschmack die Schuld. Wertet man
objektiv, so ist die Kunst jeder Periode als Ausdruck ihres besonderen Schönheits-
gefühls der jeder anderen gleichwertig.« Eine solche Behauptung, die das Chaos
an die Stelle der Sichtung und Ordnung setzt, hat ihren Sinn nur als Antithese.

Schließlich möchte ich noch darauf hinweisen, daß der Verfasser selbst tat-
sächlich wertet, indem er die zweckbestimmten Stile, wie also etwa den dorischen,
sehr entschieden über die mehr aus dem Gefühl heraus schaffenden Stile der helle-
nistischen und gotischen Kunst stellt und in diesem Zusammenhang der helle-
nistischen Kunst sogar die Erregung von lüsternen Gefühlen als ausdrückliche Ab-
sicht unterschiebt. Ebenso, wenn er von einer ästhetischen Vierteilung spricht,
die das Auge dadurch erleiden soll, daß in den gotischen Domen das Hauptportal
und der Innenraum auf das Mittelschiff, die Türme hingegen auf die Seitenschiffe
hinweisen.

In Hinsicht auf den Satzbau ist zu bemerken, daß er in einer Reihe von Fällen
an Klarheit zu wünschen übrig läßt. Indessen bleibt das Büchlein trotz allem ei«
sehr bemerkenswerter Versuch, sich auf künstlerische Hauptfragen einzustellen und
auch den Untersuchungen eines Wölfflin, Riegl, Furtwängler und Wickhoff gegen-
über die volle Selbständigkeit des Urteils zu wahren.

Breslau. Elisabeth von Orth.

Charlotte' Bühler, Das Märchen und die Phantasie des 'Kindes.
Beihefte zur Zeitschrift für angewandte Psychologie, 17. Leipzig, J. Ambr.
Barth. 191S. 82 S.

Von der Erwägung ausgehend, daß wir bei der Erforschung der höheren
Seelenvorgänge des Kindes ganz auf objektive Methoden angewiesen sind und da-
her jedes Material willkommen heißen müssen, das uns irgendwelchen Aufschluß
verspricht, untersucht die Verfasserin die Literatur des Kindes (vom 4.-8. Lebens,
jähre etwa): das Märchen. Ihre Frage lautet: was lehrt uns das Märchen über
die kindliche Phantasie? Ich will kurz andeuten, was für die Leser dieser Zeit-
schrift aus dieser psychologischen Arbeit von Interesse sein könnte.

Das Volksmärchen legt eine große Mißachtung der Verstandesklugheit zutage.
Nicht nur kommt immer der Dumme zu Ehren, auch in der Erzählungsweise fehlt
fast ganz die Kombination, das eigentliche Verstandeselement. Das Märchen ist
typische Anschauungsliteratur; es kennt keine eingehende Zustandsschilderung und
keine Dramatik — beides setzt kombinatorisches Denken voraus. Der Handlung
fehlt das Zielbewußte. Der Erzähler schaltet nach Belieben, und ebenso willkürlich
darf der Hörer auffassen. Die Abstraktionsfähigkeit des Kindes ist gering; nur
durch die schärfste Betonung (durch den Gegensatz) wird es zur Beachtung einer
Eigenschaft gezwungen. Daher die polare und das Extreme bevorzugende Charak-
teristik, das Typische der Märchenpersonen. Die Umgebung der Personen ist nur
angedeutet. Wir haben keinen Grund zu der Annahme, das Kind spinne sich nun
diese angedeuteten Situationen weiter aus. Es haftet zwar am einzelnen, aber
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