Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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312 BESPRECHUNGEN.

erzählt. Es ist nur indirekt durch das Kind bestimmt, und das erschwert die Rechnung
in jedem Falle bedeutend.

Der Gewinn der Arbeit Charlotte Bühlers scheint mir hauptsächlich in der An-
regung zu liegen, die Kunstform des Märchens einmal einwandfrei festzustellen.
Als Studie zu diesem Zwecke ist die Arbeit verdienstlich.

Berlin.

Alfred Baeumler.

Karl With, Buddhistische Plastik in Japan. Bis in den Beginn des S.Jahr-
hunderts n. Chr. Textband mit 2S Abbildungen, Tafelband mit 224 Tafeln
nach eigenen Aufnahmen des Herausgebers, gr. 4P. Wien, Kunstverlag Anton
Schroll & Co., 1919.
Unser Interesse für die asiatische Kunst ist bis in das 20. Jahrhundert hinein
ein durchaus oberflächliches gewesen. Es waren fast ausschließlich die Erzeugnisse
eines freilich hochentwickelten Kunstgewerbes, die es anregten. Die klassische
buddhistische Bildnerei blieb fast ganz unbeachtet. Die Funde einer gräzisierenden
Plastik in Nordwest-Indien erregten allerdings beinahe Sensation. Aber daß es
auch eine künstlerisch weit höher stehende national-indische Kunst gegeben habe,
war so wenig anerkannt, daß Havell diese Behauptung noch vor einem Jahrzehnt
in beredten Büchern, als sei sie ein Paradoxon, vertreten mußte.

Um diese Zeit herum, vielleicht durch jene Gandharafunde veranlaßt, begann
man sich mehr mit der buddhistischen Kunst auch außerhalb des nordwestlichen
Indiens zu beschäftigen. 1909 veröffentlichte Chavannes die Resultate einer archäo-
logischen Mission, eine große Anzahl von Aufnahmen religiöser Plastik wesentlich
aus nordchinesischen Höhlentempeln. — In den 1912 erschienenen »Epdc/is of
Chinese and Japanese Art«, worin die reichen Erfahrungen des 1908 verstorbenen
Kunstkommissars der japanischen Regierung, Emest Fenollosa, niedergelegt waren,
wurde ein allerdings noch recht unscharfes Bild der chinesisch-japanischen heiligen
Kunst mit starker Betonung ihrer vermeintlichen Beziehungen zur gräko-buddhisti-
schen entworfen. — Im selben Jahre begann die Ostasiatische Zeitung zu erscheinen,
die nun ihre Spalten mit Vorliebe diesem Thema öffnete und schon im ersten
Jahrgange einen Aufsatz William Colins brachte, der die Bildnerei der Naraperiode,
der Blütezeit fernöstlicher Plastik, einer kunstwissenschaftlichen Untersuchung unter-
zog. Im selben Jahre wiederum wurde die ostasiatische Abteilung des kunsthistö-
rischen Institutes der Universität Wien unter Leitung Prof. Strzygowskis gegründet.
In seinem Auftrage reiste anfangs Januar 1913 Karl With nach Japan; seine Auf-
gabe war, einen allgemeinen Überblick der japanischen Kunst zu geben. Sehr im
Interesse der Wissenschaft engte er diesen für die kurze Dauer einer solchen
Expedition zu umfangreichen Plan ein, und suchte durch genaueres Studium der
früheren Denkmäler eine sichere Basis für weitere Forschungen zu schaffen. Von
dem Zentrum altbuddhistischer Lehre und Kunst, Na'ra, ausgehend, konnte er in
kaum Jahresfrist das kostbare Material zusammenbringen, das uns nun in den beiden
Bänden der ^Buddhistischen Plastik in Japan« vorliegt.

With beginnt seine Untersuchungen mit der ältesten sicher datierten, in Japan
befindlichen Skulptur, der Shaka-Trinität des Tori Busshi von 623, und schließt sie
mit Werken der Ton- und Trockenlack(Kanshitsu)plastik, die in der ersten Hälfte
des 8. Jahrhunderts entstanden. Der behandelte Zeitraum umfaßt demnach die
ersten anderthalb Jahrhunderte nach Einführung des Buddhismus in Japan. Ver-
gegenwärtigen wir uns, daß die neue Religion dort ganz primitive Kulturzustände
vorfand, daß insbesondere eine wirkliche nationale Kunstbetätigung noch nicht vor-
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