Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 14.1920

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BESPRECHUNGEN; 425

streben müßte.:. Nun mag sich gewiß in derartige anderweitige Zusammenhänge
auch die Raumbehandlung förderlich eingereiht haben, aber für sich allein wirkt sie
noch nicht so, und anderseits hat sie auch rein ästhetische Folgen. So war z.B.
auch Michelangelo bei der Vorliebe für abstrakte Raumumgebung seiner gemalten
Figuren vielleicht noch von einem Nachhall der Gotik beeinflußt, kam aber vornehmlich
als Plastiker und durch sein persönliches, einseitiges Interesse am Mensehenleibe
dazu. Und so ist auch der altchristliche Rhythmus zwischen Figuren und Intervallen
schon sinnlich reizvoll, im Wechsel von Licht und Schatten, von Körperhaftigkeit
und leerer Räumlichkeit, von Fläche und Fülle, noch ohne alle metaphysischen oder
mystischen Beziehungen. Und diese Werte sind wohl schon damals empfunden
worden. Auch in der Zeit der Gotik lebten Menschen und nicht bloß Seelen oder
Geister.

Dvorak dürfte eben von einem, selbst der Gotik gegenüber allzu einseitigen
Sinn für die Geistigkeit beherrscht sein. Doch er kündigt eine weitere Arbeit an,
die offenbar den zweiten Teil seines Themas behandeln soll, über die »Einbeziehung
natürlicher Daseinswerte«, und man darf gespannt sein, wie er diese etwas anders-
artige Aufgabe anfassen wird. Die Besprechung des ersten Teiles seiner Schrift
soll aber nicht beendet werden ohne einen besonderen Hinweis auf den schönen
der Glasmalerei gewidmeten Schluß.

Leipzig. Erich Everth.

Wilhelm Waetzoldt, Deutsche Malerei seit 1870. Leipzig 1918, Quelle-
Meyer. Wiss. und Bildung, Nr. 144, 88 S. mit 53 Abb.

Das Büchlein will laut Vorwort den Entwicklungsgang unserer Malerei in diesen
fünf Jahrzehnten schildern und besonders die Stilwandlung vom Impressionismus
zum Expressionismus verständlich machen. Nichts konnte uns willkommener sein
als eine solche Darstellung von Seiten eines ästhetisch geschulten Kunstforschers.
Das wird eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Verfasser rechtfertigen,
als sie der Umfang des Büchleins zu erfordern scheint. Erwarten und beanspruchen
durften wir von ihm eine Klärung und Würdigung der Tatsachen und Zusammen-
hänge der modernen Malerei, unbeeinflußt von dem Tagesstreit ihrer verschiedenen
Richtungen in der allgemeinen Kunstschriftstellerei. Daß der Verfasser diese seine
Absicht nur halbwegs erreicht hat, daran trägt nicht am wenigsten die mit Recht
von der Kritik schon anderwärts bemängelte Anlage und Betrachtungsweise die
Schuld. Hier gilt es vor allem auseinanderzusetzen, warum sie grundsätzlich ver-
fehlt ist und wie ihr vielleicht bei einer Neuauflage abzuhelfen wäre.

Waetzoldt hat den Versuch unternommen, die Entfaltung des malerischen
Schaffens während des gesamten einbezogenen Zeitraums nicht etwa aus der Zeitfolge
und Wirksamkeit der führenden Künstlerpersönlichkeiten oder dem Nebeneinander
der Schulen und geographischen Kunstkreise noch aus dem Wechsel gegensätzlicher
stilistischer Strömungen zu entwickeln, sondern an der Hand von vier beziehungs-
weise fünf Bildgattungen abzulesen, in die er den Stoff einordnet. Er sucht ihn in der
Einleitung damit zu rechtfertigen, daß in der deutschen Malerei das Gegenständliche
zu Unrecht von dem die Anschauungswerte einseitig pflegenden Impressionismus
unterschätzt worden sei. Die Stihvandiung glaubt er innerhalb der einzelnen Bild-
gattungen in ihren übereinstimmenden Entwicklungsstufen verfolgen zu können,
sieht sich jedoch genötigt, den vier Kategorien des erzählenden Bildes, des Bild-
nisses, der Landschaft und des Stillebens noch eine fünfte des Wandbildes anzu-
hängen, die nicht durch den Gegenstand, sondern durch die bloße Stilforderung
bedingt ist.


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