Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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BESPRECHUNGEN

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daher stellt er auch nicht klar die Alternative, die sich meines Erachtens angesichts
beider Kunstformen aufdrängt und die ich zum Schluß noch einmal zusammenfassend
kennzeichnen möchte. Wir erwarten vom Rundfunk und Film entweder arteigene
Hörspiele und Tonfilme nach eigenen Gesetzen oder aber vollständige Vermittlungen
und Reproduktionen darstellender Originalkunst. Dagegen haben wir Bedenken gegen
die Pseudoreproduktion gewissermaßen durch Bearbeitung literarischer Vorlagen —
auch das literarisch fundierte Hörspiel ist, wie wir sahen, keine echte Reproduktion—,
um vom Ruhm und Erfolg der Originalwerke künstlerisch und wirtschaftlich zu
zehren, wobei oft genug die literarischen Vorlagen sich arge Vergewaltigungen ge-
fallen lassen müssen. Beanspruchen Rundfunk und Tonfilm eigenwüchsige Kunst zu
bieten, so sollten sie sich nicht so häufig, wie es bisher geschieht, in Abhängigkeit
von Werken anderer, wenn auch artverwandter Kunstgattungen begeben, was diese
in ihrem Eigenwesen kränkt und zugleich verhindert, daß sie selbst sich einen künst-
lerischen Eigenstil erwerben.

Greifswald. Kurt Gassen.

August Grisebach: Römische P o r t r ä t b ü s t e n der Gegenrefor-
mation. Römische Forschungen der Bibliotheca Hertziana, Band XIII. Leip-
zig, Verlag Heinrich Keller, 1936. 176 S., 75 Abb. Geh. RM 22, geb. RM. 24.
Es ist heutzutage nicht häufig, daß ein geschichtliches Buch gleichzeitig der
Wissenschaft Neues vermittelt und von Interesse für einen Leserkreis gebildeter
Laien ist. Seit der Zerspaltung der Geisteswissenschaften in so viele Einzelfächer
mußte es üblich werden, neue Forschungsergebnisse zunächst in einer Form dar-
zubieten, welche für ein weiteres Publikum wenig Reiz hat. Das trifft auch für die
Kunstgeschichte zu, wenngleich für sie weniger als für andere Gebiete. Daß es
August Grisebach gelungen ist, in seinem neuen Buche über Bildnisbüsten an
römischen Grabmälern der Gegenreformationszeit beiden Leserkreisen Befriedigung
zu bieten, erklärt sich aus der ungewöhnlichen Betrachtungsart, die er anwendet.

Er beginnt mit einer knappen Darlegung des Entwicklungsganges, in der er
die einzelnen Stufen von der schönen Ausgeglichenheit der Hochrenaissance über
die wachsende Unruhe und Zerrissenheit der Jahrhundertmitte zu den Denkmälern
strengen Gegenreformationsgeistes und schließlich ins 17. Jahrhundert zu der flim-
mernden Bewegtheit von Berninis „atmender Form" aufzeigt. In kurzen Bemerkungen
kennzeichnet er die Ausdrucksweise der verschiedenen Phasen und verknüpft sie
mit dem sich wandelnden Zeitgeist. Doch hält er sich dabei nicht lange auf, son-
dern verwendet den weitaus größten Teil seines Buches dazu, auf gut gedruckten
Tafeln die römischen Bildnisbüsten selbst vorzuführen und die Abbildungen mit
ausführlichen Texten über die dargestellten Persönlichkeiten zu begleiten. Die
meisten der Büsten waren bisher unveröffentlicht und, wie man wohl sagen darf,
unbekannt. So fügt der Verfasser auch Analysen des plastischen Stiles bei, die von
seiner aus anderen Büchern bekannten Kunst der Beschreibung zeugen. Dennoch
sind es offenbar die Abschnitte über Leben und Wesen der Porträtierten selbst, auf
die das Schwergewicht gelegt ist. Und es ist nicht zum wenigsten das kultur-
geschichtliche Interesse dieser kleinen Biographien, das den Laien an Grisebachs
Buch fesseln wird. Man ist begierig, etwas über die Schicksale von Menschen zu
erfahren, deren Züge so bedeutend oder so sprechend erscheinen wie die der Vit-
toria Orsini, oder des Francesco del Nero, oder des Prospero Farinacci, des Guido
Ferreri, Alariano Pierbenedetti, Paolo Odescalchi, Guglielmo Sirleto, Annibale Caro,
Rodolfo Pio da Carpi und so mancher anderer. So liest man in Grisebachs neuem
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