Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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BESPRECHUNGEN

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haltung gegenüber dem Problem der Verbindung des Ästhetischen mit dem Sittlichen
bei beiden dieselbe ist. Die moralische Zweckbestimmung wird als „nsrdßaaig dg ä'/./.o
yevog" abgelehnt, wenn Baumgarten die Schönheit der Gedanken (nämlich die dig-
nitas moralis) zur „conditio sine qua non" „operis ingeniorum vere pulcri" macht
und wenn Schiller erklärt, „daß ein freies Vergnügen, so wie die Kunst es hervor-
bringt, durchaus auf moralischen Bedingungen beruhe, daß die ganze sittliche Natur
des Menschen dabei tätig sei." Verf. meint, es könnte fast scheinen, als habe Schiller
direkt an Baumgarten angeknüpft; jedenfalls darf man Peters zugeben, daß er nicht
zuletzt durch diesen Vergleich die Ideen der Baumgartenschen Ästhetik ins rechte
Licht gerückt und ihnen die gebührende geschichtliche Bedeutung gegeben hat.
Hamburg. Hermann Noack.

Max Nußberger: Die künstlerische Phantasie in der Form-
gebung der Dichtkunst, Malerei und Musik. München, Bruck-
mann 1935. 464 S.

Ist die Vergleichung der verschiedenen Künste zwecks Gewinnung allgemeiner
ästhetischer Grundsätze und Maßstäbe in der kunstwissenschaftlichen Praxis im
einzelnen wohl stets geübt worden, so ist die systematische Verfolgung dieses Ver-
fahrens noch nicht allzu alt. Den Anlaß zu ihr gab, soweit ich sehe, 1917 Oskar
Walzel in seinem Vortrag in der Kant-Gesellschaft: „Wechselseitige Erhellung
der Künste". Seitdem ist es um diese Frage nicht mehr still geworden, immer neue
Gesichtspunkte und Beziehungen wurden entdeckt und ausgewertet bis hin zu den
neuesten Schriften von Karl V o ß 1 e r „Über gegenseitige Erhellung der Künste"
(1935) und Kurt Wais „Symbiose der Künste. Forschungsgrundlagen zur Wechsel-
berührung zwischen Dichtung, Bild- und Tonkunst" (1936). Von all diesen Schriften
stellt das vorliegende Buch Nußbergers die umfangreichste Äußerung zu dem
in Rede stehenden Fragenkomplex dar.

„Wie es der Dichter, der Maler und Musiker beginne, dem gewöhnlichen Alltag
das bedeutende Werk zu entheben, dem ewigen Wechsel des Geschehens das bleibend?
Symbol des Daseins zu entreißen, diese Frage zu ergründen lockte den Verfasser",
und zwar will er diese Frage mit den Mitteln vergleichender Kunstbetrachtung lösen.
Um es gleich vorauszunehmen: uns erscheint dieses Problem grundsätzlich — also
nicht nur mit dem hier angewandten, sondern schlechthin mit jedem Verfahren —
unlösbar. Trotz dieser Erkenntnis erscheint uns Nußbergers Buch sehr wertvoll,
nur liegt uns sein Wert weniger in der systematischen Zielsetzung als in zahlreichen
Einzelbeobachtungen und Einzelergebnissen zumal da, wo der feinsinnige Literar-
historiker zu Worte kommt.

Der Vergleich von Werken verschiedener Kunstgattungen kann die dargestellten
Gegenstände, die Mittel der Darstellung oder aber den Gestaltungsvorgang selbst
zum Maßstab nehmen. Bei den beiden ersteren Verfahren wird dann mehr die Ver-
schiedenheit der Künste, bei letzterem dagegen eine „weitgehende Übereinstimmung
in der Gestaltungsweise der Künste" zum Ausdruck kommen, dieselben Stilprinzipien
werden sich aus mehreren Kunstgattungen erhärten, gemeinsame Stilmerkmale sich
finden lassen. Anknüpfend an die Verfahrensweisen und Ergebnisse Wilhelm D i 1 -
theys und Heinrich Wölfflins will N. in seinem Buch Ernst machen mit der
„gegenseitigen Erhellung der Künste" und will so für die Literaturgeschichte eine
Behandlungsweise nachholen, wie sie in der Kunstgeschichte längst üblich sei.

Um von vornherein klarzustellen, welchen Wesenszügen der Kunstwerke er
seine Vergleichungsmomente entnehmen wolle, schickt N. seinen Ausführungen ein-
leitenderweise Betrachtungen über das Verhältnis von Stoff und Form voraus, deren
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