Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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52 PAUL MENZER.

M i t b e r i c h t e.
Paul Menzer:

Wie schon von unserem Herrn Vorsitzenden in seiner gestrigen
Begrüßungsrede angedeutet worden ist, vollzieht sich augenblick-
lich ein bedeutsamer Vorgang: das Abrücken der Ästhetik von einer
einseitig orientierten experimentellen Psychologie. Als Schüler Diltheys
kann ich diese Wendung nur mit Freude begrüßen. Die Psychologie
wird erst wieder zu von anderen Wissenschaften, wie z. B. auch der
Pädagogik, verwertbaren Ergebnissen kommen, wenn sie nicht mehr
einem undurchführbaren Gedanken von Exaktheit nachjagt und zugibt,
daß seelisches Leben mehr ist als ein Durcheinander von willkürlich
angenommenen Elementarteilen. Begriffe wie Struktur und Typus dringen
heute überall in die Psychologie ein. Allerdings wird es nötig sein,
diese neuen Begriffe, deren Bedeutung noch keineswegs feststeht,
kritisch zu untersuchen und anzuwenden.

Die Ausführungen von Jaensch entwickelten den Gedanken, es sei
möglich, den an Kindern aufgewiesenen eidetischen Typ zum Verständ-
nis des künstlerischen Schaffens zu verwerten. Ein solches Verfahren
erscheint mir nicht ohne Gefahr, da die Äußerungen der kindlichen
Seele von Erwachsenen gedeutet und so vielleicht mißdeutet werden.
Ferner erscheinen mir die Begriffe »Innen« und »Außen«, mit denen
Herr Jaensch operierte, kaum als feste Größen faßbar, sie bedeuten
vielmehr jeweilig etwas recht Verschiedenes. Ebenso erscheint mir der
Hinweis von Jaensch auf die romantische Seelenstimmung im Zusam-
menhang seiner kinderpsychologischen Ergebnisse recht bedenklich.
Der Unterschied zwischen diesen und der sehr komplizierten roman-
tischen Seelenverfassung ist ein außerordentlich großer.

Herr Geiger hat schon das Bild von dem Zauberkünstler vor seinem
Zelte gebraucht, der seine Künste anpreist. Ich möchte mir das Bild
aneignen und sagen, daß die Phänomenologen solchem Zauberkünstler
gleichen. Oft bin ich in das Zelt eingetreten und glaube dabei be-
merkt zu haben, daß man diesen Zauberkünstlern sehr genau auf die
Finger sehen muß. Ihre Verwandlungskünste sind oft verblüffend. So
möchte ich Einspruch dagegen erheben, daß Männer wie Lessing,
Schiller, Fiedler, Hildebrand gleichmäßig für die Phänomenologie in
Anspruch genommen werden. Lessing ist zu seinen Ergebnissen auf
Grund mühsamer begrifflicher Arbeit gekommen, deren Entwicklung
und Zusammenhang mit früheren Theorien wir ziemlich deutlich über-
sehen. Warum übrigens die Phänomenologie mit Begriffen der älteren
Ästhetik wie dem vom ästhetischen Schein aufräumen will, verstehe
ich nicht. Ich glaube, daß gerade diese Betrachtung recht aufschluß-
reich ist.
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