Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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372 HANS MERSMANN.

Gegenbewegung stehen. Der Zeitrhythmus ist die metrische, oft an
die Musik sich anlehnende Gliederung.

, Diese kurze Skizze der Variationsmöglichkeiten, die in der tänze-
rischen Bewegung liegen, mag genügen, um zu erweisen, daß der
Tanz eine Bewegungskunst ist. Zwar der Tänzer wird, je nach seiner
Veranlagung, entweder ein stärkeres Erlebnis des Raumes haben oder
der zeitlichen Verhältnisse. Das darf aber die kunstwissenschaftliche
Analyse nicht abhalten, nur von dem im Gegenstand Vorgefundenen
auszugehen, und das ist die Bewegung.

Schlußwort.

v. Laban: Böhmes und Herrmanns Ausführungen stimmt der Redner zu. Herr-
manns Darstellung der rhythmischen Vorgänge war ihm besonders interessant. Gegen
die Auffassung aber, daß neben dem Raum- auch ein Zeiterleben beim Tänzer be-
stehe, glaubt er aus eigener Erfahrung sagen zu müssen: der Tänzer empfindet
jeden zeitlichen Ablauf als räumliche Angelegenheit. Mit den Kraftverhältnissen
ist es ebenso, der Tänzer empfindet nicht Kraft, er fühlt sie räumlich.

Dritter Tag.

18. Oktober 1Q24, nachmittags.
Verhandlungsleiter: Werner Wolffheim.

Hans Mersmann:
Zur Phänomenologie der Musik.

Die meisten neueren Versuche, musikalischen Werken analytisch
näher zu kommen, lassen, bei aller Verschiedenheit der Methoden, ein
Gemeinsames erkennen: sie entfernen sich immer mehr von jener un-
sicheren, mit Gefühlsbeziehungen, Bildern und poetischen Umschrei-
bungen arbeitenden Interpretation, die seit den Frühtagen der Romantik,
etwa seit den Kritiken E. T. A. Hoffmanns, ein unvermindert zähes
Leben geführt hatte. Der Grund für diese merkwürdig lange Lebens-
dauer einer in ihrer Gefährlichkeit längst erkannten Methode lag einmal
darin, daß sie in der gleichzeitigen psychologischen Ästhetik einen
Halt und eine gewisse Begründung fand, vor allem aber darin, daß
ein neuer Weg noch nicht gefunden war. Diesen zu suchen, ist das
offene oder verborgene Ziel aller bedeutenden musikästhetischen Unter-
suchungen der letzten Zeit, ihn systematisch zu umspannen, seine
Ausgangspunkte, seine Grenzen und seine Ziele andeutungsweise
bloßzulegen, der Sinn der folgenden Gedanken.

Damit dies in den knappen Grenzen der mir gestellten Frist ge-
schehen kann, will ich das ganze Stoffgebiet von seiner Peripherie
aus zu begrenzen versuchen, und dann das Wesentliche an einem
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