Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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PRINZIPIENFRAGEN DER ETHNOLOGISCHEN KUNSTFORSCHUNG. 349

5. Zum Schluß ein paar soziologische Bemerkungen. Die Kunst hat
hier wie jedes Kulturgut noch lange nicht den Grad der Objektivität
erreicht wie bei uns: sie steht dem Menschen noch nicht so selbständig
normengebend und fordernd gegenüber wie bei uns. Insbesondere bei
den Zeitkünsten fehlt eine Fixierung nach Art unseres Druckverfahrens.
Ihre Gebilde sind demgemäß unbeschränkt wandelbar mit der Auf-
fassung und dem Erleben der Menschen. Näher betrachtet sind jedoch
zwei Typen zu unterscheiden: der Fall eines fortgesetzten Flusses bei
jeder Realisierung, und der Fall einer relativ festen Gestalt, von der
nicht absichtlich abgewichen wird. Den fortgesetzten Fluß finden wir
speziell bei Erzählungen vielfach erwähnt, während Liedertexte, Tänze
und Musikstücke anscheinend überwiegend feste Gestalt haben. Es
hängt damit ein zweiter Unterschied zusammen, nämlich derjenige des
Einflusses führender Individuen. Solche führenden Individuen sind über-
haupt bei allen Stämmen, auch auf den tiefsten Stufen, vorhanden und
kommen insbesondere als Urheber für Wandlungen und Neuschöpfungen
in Betracht. Wundts Völkerpsychologie hat ihre Funktion zwar in den
Mittelpunkt ihres Programms gestellt, dieses tatsächlich aber gar nicht
ausgeführt. Die alte romantische Vorstellung von einer Volkskunst als
einer Kunst, deren Gebilde ein Volk als Ganzes schafft, ist jedenfalls
unhaltbar. Im einzelnen finden sich jedoch merkwürdige Unterschiede.
So werden für Lieder, Tänze und mimische Aufführungen vielfach
einzelne Künstler als Urheber angegeben mit dem Bemerken, daß diese
sich eines echten Künstlerruhmes erfreuen; und ihren Schöpfungen
wird dann die von ihnen geschaffene Form von der Gruppe sorgsam
gewahrt. Dagegen finden wir für die Erzählungen meines Wissens
nirgends individuelle Dichter als Urheber angegeben; so wie umge-
kehrt auch gerade von den Erzählungen berichtet wird, daß sie bei
jeder Aktualisierung fortgesetzt ihre Gestalt wandeln. Die Ursache dieser
Verschiedenheit liegt noch im Dunkeln.

Mitbericht.
Richard Thurnwald:

Es scheint mir keine Frage zu sein, daß die Ergebnisse der ethno-
logischen Forschung auf dem Gebiete der Kunst dahin deuten, daß
man von einem >Anfang< der Kunstübung, wie ihn sich die ältere
Schule der Entwicklungstheoretiker vorstellte, nicht reden darf.

Trotzdem wird man nicht ganz eines revidierten entwicklungs-
mäßigen Gesichtspunktes bei der Betrachtung der Kunst der
Naturvölker entraten können. Dieser entquillt zwei Ursprüngen: I. der
Zunahme der Technik der Hand, und II. der Aufspeicherung des
Wissens um Sachen und Zusammenhänge: der Technik des Kopfes.
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