Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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LYRISCHES SCHAFFEN UND FESTE FORMGEBILDE DER LYRIK. 247

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meist entweder einverstanden oder er war von ihnen mißverstanden worden. Man
kann gerade über Epik nur in Ruhe sprechen, nicht in dramatischer Kürze und
nicht im Kinotempo.

Helene Herrmann:
Lyrisches Schaffen und feste Formgebilde der Lyrik.

In der gewährten Sprechzeit kann das Thema: »Lyrisches Schaffen
und feste Formgebilde der Lyrik« nur durch Fragestellung, Andeutung,
Anregung gefördert werden. Lösungen könnte man nur auf Grund
geschichtlichen Materials gewinnen; doch Blickrichtungen, mit denen
wir schon an jeden historischen Stoff herantreten müssen, die vermag
wohl auch zu geben, wer nur in einzelne Meistergebilde eindringend
nach dem Wesenhaften einer Form sucht. Wenigstens ist dies Voraus-
setzung unserer kunstwissenschaftlichen Bemühungen.

Wer aber nun fragt: wie verhält sich lyrisches Schaffen zu den
festen Formgebilden der Lyrik, der hat zwei Begriffe zu definieren:
»feste Formgebilde« und »lyrisches Schaffen«.

Unter den ersten Begriff fassen wir aus methodischen Gründen
heute nur die lyrischen Strophenformen. Die Gattungen der Lyrik
(z. B. Ode, Lied, Hymne, Elegie usw.) sind noch strittig, ihre Begriffe
nur in langsamer historischer Arbeit festlegbar (wie eben Vietors Ge-
schichte der deutschen Ode dargetan hat).

Nun könnte man meinen, gerade über die Strophenformen vermöge
nur der geschichtlich Sehende etwas auszusagen, da sie so vielfach
in engem Zusammenhang mit Musik und Reigen sich gebildet. Was
wir als Kräfte rein dichterischer Art ästhetisch zu deuten geneigt
s'nd, stamme daher. Diese Entstehung zugegeben, sind doch jene Be-
dingtheiten zu rein dichterischen Formkräften geworden, die wir heute
>n der Wortkunst wirksam sehen, wie, ein Beispiel zu nennen, der
Refrain, ursprünglich Kehrreim für den Chor, heut vielfältig ausdrucks-
fähiges Mittel der lyrischen Sprachkunst im Einzelliede ist.

Wie definieren wir lyrisches Schaffen? Als eine Schaffensweise,
deren einziger Darstellungsgegenstand innere Bewegtheit ist, Bewegt-
heit an sich. Darstellungsgegenstand, denn Antrieb des Schaffens
'st in aller Dichtung die Erschütterung durch das Lebensganze. Doch
beim Dramatiker erscheint sie als rein innere Kampfgespanntheit, ge-
richtet auf die Kampfspannungen des Lebens. Dies ist ihr Gegenstand.
Die dichterische Sprachbewegung läßt sich, Gestalt zu werden, formend
e'n in konkrete menschliche Kämpfe. Dieselbe Rolle spielt für den
Epiker die existentiale Ruhe und der bewegte Gang der Dinge, die Ver-
knüpfung der Begebnisse (der Blick, der nicht im menschlichen Kampf
allein das Leben dargestellt sieht, sondern ihn nur als bedeutsamstes
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