Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

Page: 405
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GEISTLICH UND WELTLICH IN DER MUSIK. 405.

Weltlich schärfer als je auseinander, ohne daß es freilich auch jetzt
gelänge, die Grenzen scharf zu bestimmen. Man kann nur sagen, daß
die geistliche Musik, und vor allem die kirchliche, erstens den ex-
tremsten Ausdruck des Affektes, und zweitens die Möglichkeit von Ge-
fühlsassoziationen mit der weltlichen Kunst stets vermeiden wird. Da-
gegen ist sie durchaus nicht auf Anleihen bei älteren Stilarten ange-
wiesen, von ihren liturgischen Grundbestandteilen, wie dem gregoria-
nischen oder dem protestantischen Choral, natürlich abgesehen. Sonst
aber ist ihr die lebendige Fühlung mit dem jeweiligen musikalischen
Zeitempfinden ebenso notwendig wie der weltlichen. Ihr tiefstes Kenn-
zeichen ist freilich der Wissenschaft nicht erreichbar: es ist die Kunst
des großen Meisters, sein eigenes religiöses Fühlen mit überzeugen-
der Glut in die Seele des Hörers überstrahlen zu lassen. Wo sie
fehlt, wird sich aus den Tönen allein niemals feststellen lassen, ob
z. B. Andromache um Hektor klagt oder die Madonna um den Ge-
kreuzigten.

Ist darum bei der Erörterung unseres Problems der stiltechnische
Gewinn auch nicht erheblich, so ist er es doppelt für die Entwick-
lung des Kulturwertes der Musik. Denn die musikalische Frage ist nur
eine von den vielen Bildungsfragen, die uns andauernd beschäftigen.
Sie hebt vor allem das in neuerer Zeit immer brennender empfundene
Grundproblem unserer modernen Kultur heraus: in welchem Maße
kann das höchste Kulturgut, die Bildung, unter den Menschen ver-
breitet werden, ohne daß der Bestand der Gesellschaft in Frage ge-
stellt wird.

M i t b e r i c h t e.

Gerhard von Keußler:

Die Formalästhetik stellt fest, daß die Motette der Römischen Schule
sich vom Madrigal nur dem Text nach unterscheidet, daß dagegen die
musikalische Faktur der schlechthin kirchlichen Motette und die des
weltlichen Madrigals einander gleichen. Cum grano salis stimmt das
auch, nur erscheint dieses granum so auffällig groß, daß man seine
Echtheit untersuchen mag, — den Härtegrad des Salzes. Ich will auf
einen charakteristischen Prüfstein hinweisen, auf einen Kompositions-
|ext, der bis ins 18. Jahrhundert für kirchlich gegolten hat, doch von
jeher weltlich gewesen ist: das Hohe Lied.

Für den Gottesdienst komponiert und im Gottesdienst gesungen
~y alias aufgeführt — wurden von Palestrina allein 29 Stücke der welt-
lich-lyrischen Szenensammlung Sulamith, und zwar als Motetten, 29 Mo-
tetten. Heute können wir sie als Madrigale buchen. — Seitdem auch
die Theologen sich darüber nicht mehr ereifern, daß die Braut des
Hohen Liedes keineswegs symbolisch für die Kirche Christi gelten
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