Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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D. KÜNSTL. GESTALTUNGSVORGANG IN PSYCHIATR. BELEUCHTUNG. 169

sonst zweckfreien schöpferischen Lebensvorganges, der jedem Men-
schen potentiell eignet. Ferner lernen wir grundsätzlich zu trennen jene
formale und stoffliche Bindung, die durch Zeit, Kulturkreis, Bildungs-
stufe und so fort bedingt ist, von dem Kern eines fast allgemein gül-
tigen Ausdruckdranges und seiner einfachsten Entladungen in Bewe-
gung und Laut und geformtem Werk. Anders gesagt: wir lernen die
psychologischen (und phänomenologischen) Probleme von den kultu-
rellen Begleitumständen abzulösen. Das erleichtert die echte psycho-
pathologische Sachlichkeit — denn sie gewöhnt sich im Arbeiten mit
Geisteskranken daran, den Impulsen und Entäußerungen der Menschen
in einer ursprünglicheren, enthemmten Form zu begegnen, entblößt
von dem zivilisatorischen Gewände und deshalb (trotz aller leicht auf-
zählbaren Unterschiede) enger verwandt mit primitiven oder Urvor-
gängen, als irgend welche andere Erlebnisformen unseres rationalisti-
schen Zeitalters. Dies ist der Grund, weshalb heute weite Kreise wie
gebannt auf das sogenannte > Grenzgebiet« starren und auf brennende
Fragen von uns Psychiatern Antwort erwarten. Hoffen wir, daß es
uns gelinge, die zu bringen. Dann wird man die Sünden der Väter
nicht mehr an uns heimsuchen und auch in der Kunstwissenschaft den
Psychiater als Mitarbeiter gelten lassen.

Gerhard Gesemann:

Ich spreche nicht als psychiatrischer Fachmann, sondern als Literatur-
historiker und in der Hoffnung, aus der Praxis einer kunstwissen-
schaftlichen Disziplin einige Anmerkungen zu unserem Thema geben
zu können. Die Fragen lauten:

1. Kommen wir dem Geheimnis des künstlerischen Schaffensvor-
ganges näher, wenn wir uns die Erkenntnisse der modernen Psychiatrie
über bestimmte seelische Vorgänge zunutze machen?

2. In welcher Weise hat man die so gewonnenen psychologischen
Einsichten, die als solche noch rein psychologischer Natur sind, in
kunstwissenschaftliche und weiter zu literarwissenschaftlichen, musik-
wissenschaftlichen zu verwandeln?

Die erste Frage ist die Grundfrage. Für den Literarhistoriker des
russischen neunzehnten Jahrhunderts kann die erste Frage gar nicht
anders als bejahend beantwortet werden. Man kommt bei einem Stu-
dium Gogols, Tolstojs oder Dostojevskijs gar nicht anders aus. Eine
normative Ästhetik oder eine experimentelle Psychologie älterer Ob-
servanz kann man getrost entbehren, nicht aber jene, die wir, unge-
schickt genug, eine »medizinische^ nennen, — als wenn sich ihre Er-
kenntnisse, die zwar meist am pathologischen Material gewonnen sind,
nicht auch auf die Psychologie des sogenannten »Normalen« bezögen! —
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