Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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KUNST UND JUGEND. 267

zu Beginn besonders stark betont wird [Ich denke dein, wenn — Ich
denke dein, wenn], dann jedoch allmählich eine gewisse Lockerung
erfährt, so erweist sich die Strophe als das Maß, an dem die vorher
festgestellten Ausdrucksmodifikationen erst ihre volle Sichtbarkeit er-
langen; es kommt hier der Strophe also eine ähnliche Funktion zu,
wie sie Tempo und Takt auf musikalischem Gebiet besitzen.

Dritter Tag.

18. Oktober 1924, vormittags.
Verhandlungsleiter: Paul Menzer.

Franz Hilker:
Kunst und Jugend.

Die Beziehungen zwischen Kunst und Jugend sind erst seit ver-
hältnismäßig kurzer Zeit Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und
planmäßiger pädagogischer Förderung geworden. Trotzdem ist die
Literatur über diese Frage bereits derartig angewachsen und die Fülle
kunstpädagogischer Bestrebungen so mannigfaltig, daß es vom Stand-
punkt der Wissenschaft wie der Erziehung gleicherweise begrüßt wer-
den muß, wenn der zweite Kongreß für Ästhetik und allgemeine Kunst-
wissenschaft Gelegenheit gibt, die auf diesem Gebiet geleistete Einzel-
arbeit zu überschauen und das Verhältnis der Jugend zum Bereich des
Ästhetischen und Künstlerischen zu klären. Ich will versuchen, in aller
Kürze herauszuarbeiten: 1. die Kulturströmungen, die in den
letzten fünfundzwanzig Jahren das Verhältnis von Jugend und Kunst
entscheidend beeinflußt haben, 2. die seelischen Beziehungen
der Jugend zur Kunst in den verschiedenen jugendlichen Lebens-
stufen, wobei psychologische Forschung und pädagogische Erfahrung
das Tatsachenmaterial liefern werden. Aus dieser Darstellung mögen
sich dann Folgerungen für den Aufbau einer jugendgemäßen Kunst-
erziehung ergeben.

Zwei Kulturerscheinungen haben in den letzten zwei Jahrzehnten
starken Einfluß auf die Entfaltung der Beziehungen zwischen Kunst
und Jugend ausgeübt. Die eine ging von Erwachsenen in bewußter
pädagogischer Absicht aus; die andere erwuchs spontan als Lebens-
erscheinung in den Reihen der Jugend selbst: Kunsterziehungs-
bewegung und Jugendbewegung.

Die erstere reicht zurück in den wirtschaftlichen Abwehrkampf des
Handwerks gegen die Maschine, der um die Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts vor allem in England einsetzte und hier durch John Ruskin
und William Morris geistige und künstlerische Führung erhielt. In
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