Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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120 OSKAR WULFF.

Wiederkehr der Gegenständlichkeit begrüßt, den Umschwung zu Ruhe, Stabilität,
Gesetz und Ordnung begreift und voll Hoffnung dem still Werdenden entgegenblickt,
sollte das Eine nicht vergessen, daß das Herzensblut der Expressionisten den Boden
gedüngt hat, auf dem das Neue gedeihen will.

Schlußwort.
G.Johannes v. Allesch: Wenn man die Bezeichnung »Primitivität« auf den
Expressionismus anwendet, so meint man damit etwas anderes, als wenn man von
3Primitiven« und von »primitiver Kultur« spricht. Zur Frage nach dem Expressionis-
mus in der Dichtung sei bemerkt, daß hier Sinn und Klangerscheinung wechselweise
die tragenden Elemente des Kunstwerks sind.

Zweiter Tag.

17. Oktober 1924, vormittags.
Verhandlungsleiter: Max Dessoir.

Oskar Wulff:

Die psychophysischen Grundlagen der plastischen und
malerischen Gestaltung.

Die kunstwissenschaftliche Begriffsbildung muß an psychologische
Gesichtspunkte anknüpfen, wenn sie nicht in die Sackgasse einer Wort-
wissenschaft geraten will. Ein tieferes Verständnis der künstlerischen
Gestaltung ist nicht ohne Kenntnis der Grundtatsachen der Psycho-
logie und Physiologie der Sinnesorgane zu.erreichen, da sie durchweg
auf der Erneuerung (Reproduktion) vorhergehender, durch die Vor-
stellungstätigkeit umgeformter Sinneserfahrung beruht. In den bildenden
Künsten richtet sie sich auf die Veranschaulichung dieser Vorstellungs-
bildung. Ihre Wurzeln sind demnach im phänomenologischen Tatbe-
stande der Gesichtssinneswahrnehmung und des Körpergefühls (bzw.
der kinästhetischen Empfindungen) aufzusuchen.

Die im Sehraum gegebenen Erscheinungen kommen uns in ihren
qualitativen (bzw. intensiven) Licht- und Farbenwerten einerseits und
in den von ihnen erfüllten quantitativen (bzw. extensiven) räumlichen
Werten andererseits zum Bewußtsein. Die Grundvoraussetzung ihrer
künstlerischen Gestaltung bildet die psychologische Tatsache der Dop-
pelung unserer Anschauungsweise, der zufolge wir die Sehdinge zwar
durchweg flächenhaft sehen (oder doch sehen können), aber größten-
teils körperhaft deuten (Cornelius). Aus diesem Gegensatz ergibt sich
nicht nur die Sonderung der körperbildenden und der Flächenkunst,
sondern auch innerhalb einer jeden dieser beiden Hauptrichtungen
besteht alle künstlerische Gestaltung in seiner Ausgleichung. Daß jeder
der beiden Möglichkeiten künstlerischer Vorstellungsbildung, die damit
gegeben sind, eine eigentümliche Art der Gestaltung entspricht, ist
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