Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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338 ALFRED VIERKANDT.

Alfred Vierkandt:
Prinzipienfragen der ethnologischen Kunstforschung.

Seit einiger Zeit beginnt die Kunst der niederen Völker allgemeinere
Aufmerksamkeit zu erregen. Bis dahin hatte sich die ethnologische
Wissenschaft eigentlich nur mit dem Kunststoff befaßt, an anderen
Stellen wurde die primitive Kunst wenig beachtet. Auch jetzt vollzieht
sich der Wandel wenigstens vorläufig mehr außerhalb als innerhalb
der Ethnologie. Soweit dabei wissenschaftliche Motive zugrunde liegen,
handelt es sich letzthin um die Abkehr vom Positivismus. Näher be-
trachtet kommen verschiedene Prinzipienfragen in Betracht.

1. Wir beginnen mit der Frage nach der Abgrenzung derjenigen
Gegenstände, mit denen sich Untersuchungen über die Anfänge der
Kunst zu befassen haben. Nach welchem Gesichtspunkt bestimmt man
hierbei, welche Gegenstände eigentlich unter die Rubrik der »Kunst«
fallen oder nicht? Zwei verschiedene Anschauungen stehen sich
hier gegenüber. Für die eine gibt es überhaupt keine scharfe Grenze
zwischen Kunstgebilden und anderen Gegenständen, sondern einen
allmählichen Übergang. Praktisch rechnet man zur primitiven Kunst
alle solche Gebilde, deren äußere Gegenstücke auf höheren Stufen
zur Kunst gehören, wie Zeichnungen und Gesänge, Tänze usw. —
also alle Gegenstände, die mit der heutigen Kunst durch einen ent-
wicklungsgeschichtlichen Zusammenhang verbunden sind oder ver-
bunden gedacht werden können. Maßgebend für die Abgrenzung ist
also die genetische Beziehung. Eine scharfe Abgrenzung gegen
andere Gebiete ist dabei nicht möglich. Es bleibt auch die Möglich-
keit bestehen, daß man innerlich verschiedenartige Gegenstände nur
unter einem Sammelnamen vereinigt oder wegen gewisser mehr äußerer
Beziehungen zusammenstellt. Was unter Kunst zu verstehen ist, ist
völlig klar erst auf höheren Stufen, insbesondere erst bei unserer
eigenen Kultur. Geht man aber auf primitive Stufen zurück, so zer-
fließt dem Betrachter das Wesen der Kunst unter seinen Händen.
Und zwar ergibt sich das mit Notwendigkeit aus dem Wesen der
Entwicklung: wie alles hat sich auch die Kunst erst allmählich ent-
wickelt. Auf primitiven Stufen dürfen wir das, was wir als Kunst
kennen, gar nicht erwarten, sondern statt dessen nur Vorläufer, auf
die sich der an den Gegenständen unserer Kultur ausgebildete Be-
griff sapparat nicht recht anwenden läßt. Dieser evplutionistischen
Auffassung steht nun eine entgegengesetzte gegenüber, die wir als
aprioristische bezeichnen können. Nach ihr gibt es einen einheit-
lichen Kern in allen Kunstgebilden aller Kulturen, eine einheitliche
Qualität in aller Mannigfaltigkeit der verschiedenen Ausprägungen.
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