Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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112 G. JOHANNES VON ALLESCH.

lösung von Problemen nicht zugehörender Art, in deren inadäquater
Komplexion noch Wölfflin seine Grundbegriffe entwickelte.

Kunsthistorische Literatur zeigt allgemein die Eigentümlichkeit, den
Charakter wissenschaftlicher Sachlichkeit und persönlich menschliches
Bekenntnis in sich zu vereinen. Dadurch wächst ihr gewiß ein starkes
Moment menschlicher Fülle zu — nach dem Maße der Person, die
bekennend sich äußert (Phrase: Bekenntnisform ohne Bekenntnis: mittel-
bares Bekenntnis menschlicher Potenzlosigkeit), dennoch erkenne ich
die Ernüchterung zu völlig bekenntnisfreier, streng theoretischer
Forschung, wo sie sich auch der praktischen Kunstforschung schier
aufdrängt wie im Gebiet der Kunstlehre, nicht allein als ein dringendes
Bedürfnis, sondern als einen entscheidenden Schritt im Inter-
esse der Gesamtaufgabe. Ich nenne Schnaase und vor allem Kierke-
gaard als Ästhetiker, um am Schluß darauf hinzuweisen, daß auch das
Bekenntnis seine eigene, streng zu wahrende Sphäre hat, innerhalb
deren es nur im analogen Sinne zur Methode in der Wissenschaft
adäquat entwickelt werden kann, daß es eigene Strenge und Sachlich-
keit besitzt und seinen Gegenstand erst an den Grenzen der Wissen-
schaft empfängt, daß vom bekennerischen Bewunderungsausruf bis
zur Sphäre der Ichproblematik im Ästhetischen ein weiter Weg ist.

Gewiß ist der Wahrheitsbegriff des Bekenntnisses ein anderer als
der der Wissenschaft, eben darum besteht die Gefahr beide zu ver-
lieren, wenn ich beide ineinander verlaufen lasse. Daß aber der Wahr-
heitsbegriff der Wissenschaft dem Menschen unserer Zeit nicht
mehr als Telos genügt, d. h. die geistige Gegenwart gerecht beim
Namen zu nennen, denn es liegt darin keine Auflehnung gegen Wissen-
schaft — sie kann nur von phantastischer Seite her kommen — viel-
mehr begründet sich in ihr die Forderung zuletzt: auch im Gebiet
der Kunstforschung innerhalb der Grenzen der Wissenschaft das Mög-
lich in der ihm gebührenden Form zu bieten, das unentwickelte Be-
kenntnis am falschen Ort auszuscheiden.

G.Johannes von Allesch:

Die Grundkräfte des Expressionismus.

Wie die meisten Namen, durch die künstlerische Epochen oder
Schulen benannt werden, trifft auch das Wort Expressionismus mit
seinem natürlichen Sinn nur ungefähr und unter einer Reihe von Vor-
aussetzungen die Erscheinungen, zu deren Bezeichnung es verwendet
wird. Wenn Expression ganz allgemein Ausdruck heißt, so gibt es in
jeder Kunstepoche expressionistische Werke. Wenn man aber ein
Spezifisches gerade dieses Expressionismus sucht, den wir eben in
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