Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

Page: 388
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388 GUSTAV BECKING.

Neunter, aber in Mahlers Zweiter Sinfonie) an dieser Stelle die Inkar-
nation der Entwicklungsidee im Worte.

Die Aufstellung dieser Typen, welche zugleich als Zusammenfassung
der vorliegenden Gedankengänge dienen mag, geht bereits weit über
Formprobleme hinaus. Doch sollte durch sie gezeigt werden, daß jede
Formästhetik notwendigerweise zusammenbrechen muß, wenn sie sich
auf ihre Grenzen beschränkt. Die stärkste der vorbedingenden Kräfte
ist der Inhalt. So steht auch am Ende dieser Betrachtung die vollkom-
mene Einheit des Kunstwerks, welche, im Laufe der Untersuchung vor-
übergehend aufgehoben, nun die Schleier wieder fallen läßt. Durch sie
hindurch aber leuchtet das große Gesetz alles organischen Werdens.

Mitberichte.
Gustav Becking:

1. Wer immer in den letzten Jahren über »Phänomenologie der
Musik« schrieb, hat gemeint, die Blicke fast ausschließlich in die Zu-
kunft richten zu müssen. Neue Aufgaben wurden formuliert, denen
eine neue Methode gerecht werden sollte, und aus dem ganzen Vorrat
der alten Musikwissenschaft gelten nur einige wenige Erkenntnisse
neueren Datums für würdig, gewissermaßen in der Vorhalle der neuen
Disziplin die Verbindung mit dem Ehemals aufrecht zu erhalten.

Diese Anschauung wandelt sich. Gerade hier, bei den Verhand-
lungen unseres Kongresses, wurde verschiedentlich mit Nachdruck
darauf hingewiesen, daß Phänomenologie bei allen großen Entdeckungen
der Kunstwissenschaften stets zumindest stark beteiligt gewesen sei.
Nicht nach unerfüllten Zukunftsversprechen habe man sie zu beurteilen,
sondern nach bereits erworbenen Verdiensten. Und das gilt besonders
für die Musikwissenschaft. Auch hier sollte man, statt sich zu isolieren,
die mannigfachen rückwärtigen Verbindungen aufsuchen, die durch
unsere gesamte Literatur hinführen zu der schon geleisteten phäno-
menologischen Arbeit.

Denn wo ein Forscher nach dem Sinn und Wesen von Musik-
werken fragt und versucht, seine Antworten ohne Abirren und ohne
Ersatz durch Metaphern in möglichster Erlebnisnähe zu finden, da
treten Beziehungen zur Phänomenologie auf, in verschiedener Stärke
und Artung jeweils — selbstsicherer und klarer zur Zeit der romanfi-
schen Biographie und Geschichtschreibung, später, als der Drang zum
naturwissenschaftlichen Beweis die Grenzen aller Methoden verwischte,
weniger deutlich, und wieder gut erkennbar in der jüngstvergangenen
Zeit. Bei allen Schwankungen ist jedoch die eigentliche phänomeno-
logische Forschung niemals ernstlich gefährdet gewesen, bringt es doch
die Eigenart des musikalischen Gegenstandes mit sich, daß die wissen-
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