Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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194 ADOLF BEHNE.

Mitbericht.
Adolf Behne:

Der Film, wie wir ihn heute in den Kinotheatern sehen, ist von
einer geradezu grotesken Kompliziertheit. Seine Mitarbeiter sind so
zahlreich und gehören so verschiedenen Arbeitsgebieten an, daß die
Frage nach den Elementen dieses Gebildes schwer zu beantworten ist.
So ziemlich jede Kunst arbeitet am Film mit, der nach der Buntheit
seiner Komponenten selbst die Oper weit übertrifft. Aber welche Kunst
arbeitet im Film primär und elementar? Die meisten offenbar doch nur
peripherisch. Und doch ist es sicher, daß der Film als Kunstwerk nur
sein kann, wenn er etwas anderes zu sein vermag, als das mixtum
compositum von hundert Nebenberufen.

Wie ist es? Ein Dichter hat einen Roman geschrieben. Ein Schrift-
steller macht daraus ein Manuskript. Schauspieler und Regisseure werden
vom Theater engagiert. Ein Architekt baut Außen- und Innenräume.
Die Natur wird gleichfalls engagiert, als Berg, Wiese, Wald. Kompli-
zierte Beleuchtungsanlagen. Maler, Bildhauer und Kostümkenner. Dann
wird das Filmmanuskript gespielt — stumm gespielt; stumm aber doch
nicht pantomimisch. Es wird nicht in der Reihenfolge der Szenen im
Manuskript gespielt, sondern ganz unabhängig von der logischen Ent-
wicklung. Denn das Spiel geschieht ja überhaupt nur für den photo-
graphischen Apparat. — Ist das Spiel der einzelnen Szene so, wie es
sein soll, vom Apparat festgehalten, so wird der ganze Bühnenaufbau
abmontiert. Mit allen seinen Farben, Dreidimensionalitäten, Bewegungen,
Lichtern, Schatten, Menschen ist er gebaut nur, um in ein Stück
Schwarzweißfläche verwandelt zu werden. Viele zusammengesetzte
Bilder ergeben am Ende einen Gelatinestreifen, der x-mal kopiert wird
und 1000-x-mal durch den komplizierten Vorführungsapparat gedreht
wird, in besonderen Theaterräumen, bei Musikbegleitung. Er wirft seine
Photos als Projektion so schnell hintereinander auf die Leinwand im
verdunkelten Räume, daß ein fortlaufend bewegtes Bild entsteht —
unterbrochen nur von kurzen Schriftworten, begleitet von Lachen oder
Weinen oder von Langerweile. Wirklich ein unheimlich komplizierter Vor-
gang. Ein Theater wird aufgebaut, das niemand sieht; nur der Apparat
schluckt es ein. Ein anderer Apparat speit ein schwaches Abbild jenes
Reichtums aus, vor zahllosen aufgerissenen Augen. Und diese ärmliche
Schwarzweiß- und Flächenreduktion ist das intendierte Produkt. Dich-
tung, Photographie, Malerei, Theater, Mimik, Bewegung, Projektion .. .
was ist der Film? Gibt es eine Kunst des Films? Die Beant-
wortung dieser Frage setzt die Klärung einer anderen voraus: welches
sind die ganz besonderen neuen und spezifischen Voraussetzungen
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