Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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FILM UND KUNST. ig3

vergleichen. Das Theater gehörte damals für die Gebildeten keines-
wegs zur eigentlichen Kunst. Es war eine recht rohe Vergnügung, eine
Sache für exzentrische Aristokraten und den gemeinen Pöbel. Als
Dichter konnte sich Shakespeare selber für die gebildete Welt ja erst
legitimieren, indem er seine Epen drucken ließ, die für uns als ganz
unpersönliche Zeitprodukte kaum in Betracht kommen. Dramen, diese
rein praktischen Erfordernisse einer Theateraufführung zu drucken, fiel
jener Generation noch gar nicht ein. Der entscheidende Sieg Shake-
speares spiegelt sich ja gerade darin, daß man nach seinem Tode auf
den Gedanken kam, seine dramatischen Gedichte einer Sammlung in
Buchform wert zu finden. Die Raubdrucke der einzelnen Stücke vor-
her waren im Sinne der Zeit Sensationen für das Volk der Theater-
gänger, keineswegs Literatur. Das blieb geraume Zeit so, obschon —
oder weil Leute von literarischer Bildung, Akademiker, ihre Kräfte für
das Drama einsetzten. Deutlich genug spüren wir den Widerstand
dieser Kreise dagegen, daß ein Mann vom Bau, von der Technik her,
ein Schauspieler, nämlich eben dieser William Shakespeare, es sich
herausnimmt, Stücke zu schreiben. Sein Sieg kam aber grade daher,
daß er die Bedingungen des Theaters von innen heraus begriff, daß
er deshalb nicht mehr lyrische Entladungen und epischen Vortrag aus
der Literatur auf die Bühne brachte, sondern aus den Bedingungen
seiner Schauspielkunst die neue Wortform schuf: das Wortgefüge, daß
nur noch der Leib schauspielerische Aktion ist. — Nicht viel anders
aber ist die heutige Situation des Films. Wir haben schon (die Bei-
spiele, die ich gab, beweisen es) Vorläufer einer wirklichen Filmkunst,
— Vorläufer, wie sie das Shakespearesche Drama hatte. Im ganzen
aber ist der Film noch ein rohes Vergnügen für die Snobs und den
Pöbel außerhalb der Kunst. Das macht, daß der Film seine wahren
Mittel noch nicht begriffen hat, und, genau wie das Drama in seinen
Anfängen, in der Richtung auf bekannte Poesieformen sich bewegt,
und deshalb Minderes und Ungestaltes erzeugt.

Sobald er seine Kräfte auf das wirklich schöpferische Zentrum
seiner Sphäre versammelt hat, — d. h. auf den Apparat, für den Natur-
aufnahmen aller Art, einschließlich der schauspielerischen Pantomime,
nur Rohstoff sind, mit denen die Herrichtung des eigentlichen Film-
wunders erst beginnt! — sobald der Film diese Einstellung erreicht
hat, wird er ein neues und echtes Kunstwerk schaffen. Der kommende
Shakespeare des Films wird, aller Voraussicht nach, nicht aus einem
germanistischen Seminar und nicht aus einem Literaturcafe, sondern
aus einem photographischen Atelier kommen. — Ein Techniker von
künstlerischer Phantasie, wie es Shakespeare war!

Zeitschr. f. Ästhetik u. allz. Kunstwissenschaft. XIX. 13
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