Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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REGIE ALS KUNST. 199

daß lediglich aus den Kräften und der Technik des Films ein' Genie erstehen werde,
kann Petersen nicht beistimmen, denn auch Shakespeare ist nicht aus dem Theater
allein hervorgegangen, und die Vorbereitung seiner Leistung durch dichterische Vor-
läufer darf nicht übersehen werden.

Optische Musik vermag der Beleuchtungsinspizient des Theaters besser zu bieten
als der Film. Übrigens wurde das Wort, optische Musik, bereits im 18. Jahrhundert
gebraucht, wo man von den Wandeldekorationen der Oper als einer »Musique des
yeux« sprach.

An eine starre Unveränderlichkeit der pantomimischen Ausdrucksmittel glaubt
Petersen nicht, schreibt ihnen vielmehr Entwicklungsmöglichkeiten zu.

Carl Hagemann:
Regie als Kunst.

Das gedruckte Buch der dramatischen Dichtung oder die gestochene
Partitur der Oper erzeugen beim Bühnenkünstler, beim Regisseur die
innere Vorstellung der bühnenmäßigen Erscheinungsform als eine
kontinuierliche Serie räumlicher Gestaltungen in zeitlich bedingtem
Ablauf für das Auge und die innere Vorstellung des sprachlich-klang-
lichen Ausdrucks als Folge gesprochener oder gesungener Äußerungen
der dramatischen Figuren für das Ohr. Das Bild, die Plastik, auch die
gedruckte Dichtung, wenn man will, stehen, optisch vermittelt, lediglich
im Raum, an sich unabhängig vom Phänomen der Zeit — die Musik
erklingt und verläuft, akustisch vermittelt, lediglich in der Zeit, an sich
unabhängig vom Phänomen des Raumes. Das Kunstwerk der Bühne
steht dagegen in jedem Augenblick seines Ablaufs im Raum und zieht,
optisch und akustisch vermittelt, in einer bestimmten, seinem imma-
nenten Rhythmus entsprechenden Zeit und zeitlichen Gliederung vorüber.
Wobei die räumliche Begrenzung durch die Verhältnisse eines gegebenen
Spielplatzes mit Rücksicht auf die Möglichkeit einer zwanglosen Auf-
nahme des Gesehenen und Gehörten durch den Genießenden und die
zeitliche Begrenzung durch Wesen, Stil und Umfang des einzelnen
Kunstwerks gegeben ist. An die Stelle der frei empfangenen oder im
Erlebnis wurzelnden Idee und ihrer, zu einer inneren Vorstellung des
Kunstwerks von der Phantasie gerundeten Ausgestaltung, wo dann
bei den meisten anderen Kunstgattungen derselbe Künstler auch die
sinnfällige Formung vollzieht, tritt in der Kunst der Bühne das Buch
oder die Partitur eines Künstlers als Vorwurf für die endgültige Er-
scheinungsform des Kunstwerks durch einen andern Künstler. Oder
besser: der Totalitätskünstler der Bühne, der eigentliche Theaterkünstler
hat sich in den Dichter (den Dramatiker) und den Regisseur gespalten.
Der Dramatiker findet und erfindet, dichtet und verdichtet: er schafft die
Voraussetzung des Bühnenwerks —der Regisseur formt den sinnlich mühe-
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