Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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130 EMIL UTITZ.

Emil Utitz:
Der Charakter des Künstlers.

Jugend schwärmt für den Heldendarsteller. Erwachende Kritik fragt,
ob heldische Tat und künstlerische Gestaltung des Heldischen zu-
sammenfallen müssen. Ist einmal diese Frage aufgetaucht, kann ihre
Verneinung nicht angezweifelt werden. Und mit ihrer Verneinung
scheidet sich schon der artistische Charakter vom bürgerlichen. Aber
nur wenige Begriffe sind so undurchdacht und unanalysiert, wie
gerade der des artistischen Charakters in seiner Beziehung zum bürger-
lichen. Die handlichen Worte überdecken Schwierigkeiten, die seltsamer-
weise fast unbeachtet bleiben. Hiermit wird der Zugang zu entschei-
dend wichtigen Problemen verschüttet. Dabei will ich gar nicht von
der Ungeheuerlichkeit sprechen — die gleichwohl vielen nicht ein-
leuchtet —, eine Persönlichkeit gleichsam in zwei Teile aufzuspalten,
ohne sich um den Zusammenhang dieser Teile zu kümmern. Methodo-
logisch darf es doch nur heißen: was bedeutet der artistische Charakter
im Oefüge der Persönlichkeit; oder umgekehrt diese für den artistischen
Charakter? So gewinnen wir eine scharfe und klare Frage. Aber von
einer scharfen und klaren Antwort sind wir leider sehr weit entfernt.
Ich will mich daher mit einigen einleitenden Bemerkungen begnügen.
Meine Arbeiten über das künstlerische Schaffen werden durch sie in
gleicher Richtung fortgesetzt. Um Wiederholungen auszuweichen und
die vorgeschriebene Zeit innezuhalten, können wir nicht langsam das
Gebiet aufschließen, sondern nur wie mit Scheinwerfern abstreichen.

Jene künstlerische Gestaltung des Heldischen — um an unser Bei-
spiel anzuknüpfen — ist doch etwas ganz anderes als Heldenpose.
Die Heldenpose ist eine mehr oder minder durchsichtige Maske, die
Eitelkeit vorschiebt, hinter der Unfähigkeit sich duckt, in die Ängst-
lichkeit flüchtet usw. Diese glänzende Schauseite soll ihren Träger oder
die Zuschauer oder auch beide täuschen. Die Täuschung glückt, wenn
der Poseur von der Echtheit seiner Rolle durchdrungen wird, wenn
die anderen diesem Heldentum glauben usw. Die Maske fällt, wo wirk-
liches Heldentum not tut; aber — die Anwesenheit von Zeugen oder
die innere Überzeugtheit können Heldentaten wirken. Es sind wirkliche
Heldentaten, doch ohne Heldentum im Sinne einer bestimmten charak-
terologischen Struktur. Sicherlich gibt es z. B. Feigheit, die angesichts
gefährlicher Zumutung jäh alle Masken abschüttelt und die gar keinen
Ausgleich gestattet, jedoch ebenso ein durch die Rolle gedecktes Unter-
bewerten der Gefahren. Und von dem Helden an sich — wenn wir
uns kurz dieses Ausdrucks bedienen dürfen — trennt sich der Situa-
tionsheld, der eben von einer bestimmten Situation getragen werden
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