Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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DIE KUNST DER ERZÄHLUNG. 215

gingen übrigens impressionistisch aufrecht mitten durch die/Verrücktheiten!). Zeit-
strömung aber ist heute die Abkehr von naturalistischer Kleinkrämerei, das Betonen
aller musikalischen Elemente in der Dichtung, klare Gliederung der Reden und
Szenen, Beiseiteschieben des Unwesentlichen, Freude an der Ekstase. In dieser
fruchtbaren Zeitströmung wollen wir uns gerne tummeln und auch die Wissenschaft
mag sich an ihr erproben!

Julius Petersen:
Die Erörterungen über Regie und Kunstwerk haben die überraschende Situation
herbeigeführt, daß die Fachleute Vertreter des Verzichts sind, der Nichtfachmann
dagegen für Freiheit des Regisseurs eintritt. Indessen war der Gegensatz nicht so
scharf, wie es im Augenblick scheinen mag. Denn mit der Wertung der Persön-
lichkeit des Regisseurs, in der sich Hagemann und Gregori einig waren, ist auch
der Weg zur Freiheit geöffnet, die Marcuse forderte.

Erich Everth:
Die Kunst der Erzählung.

Es kann mir nicht einfallen, hier in der Kürze eine vollständige
Ästhetik oder Poetik der erzählenden Kunst zu geben. Von vornherein
scheidet das allgemein Künstlerische daran und das allgemein Dich-
terische aus der Betrachtung aus. Nur das Besondere der Erzählung
steht zur Debatte und auch da nur das Wesentliche, aus dem sich
die Einzelzüge ergeben.

Ich will vom Wesen des Epischen handeln, wobei ich die nicht
unerheblichen Unterschiede der Gattungen der Erzählung — Anekdote,
Fabel, Märchen, short story, Novelle, Roman und großes Epos — bei-
seite lasse. Auch über die Entstehung und Entwicklung der einzelnen
Formen will ich nichts beibringen, also nichts von Sammeltheorie,
Schwelltheorie u. dgl. So weit Historisches herangezogen wird, soll
es einer allgemeinen Wesenserkenntnis dienen. Anderseits kann ich
mich nicht bei der technischen oder artistischen Betrachtung beruhigen,
die angesehene Autoren vielfach allein angewendet haben.

So frage ich nicht: was muß der Erzähler tun, wenn er im
Rahmen und auf Grund seiner Bedingungen wirken will? Sondern
die Frage lautet hier: was bedeuten die 'längst festgestellten Grund-
begriffe der epischen Kunst allgemein psychologisch, menschlich, lebens-
mäßig?

Ich entsinne mich, wie ich als junger Mensch mich bemühte, das
Wesen des Dramatischen möglichst schlüssig und zwingend aus den
Bedingungen der Aufführung abzuleiten, indem ich mir das Theater
vergegenwärtigte mit der Menge der Zuschauer und aus dieser sozio-
logischen Situation, mit Hilfe der »Psychologie des foules«, alle einzelnen
Merkmale des Dramas, die ja bei Freytag und anderen gesammelt waren,
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