Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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168 HANS PRINZHORN.

heuren Vorzug, relativ unabhängig von Schulung, Tradition, Gebrauchs-
zweck zu sein. Es zeigt nähere Verwandtschaft mit Bildnerei der Kinder
und der Primitiven, als mit der realistischen Kunst der letzten Zeit.
Es läßt die formalen, eigentlich gestaltenden Tendenzen unbefangener
zur Geltung kommen als Durchschnittsbildnerei. Es erlaubt also, den
Kern des Gestaltungsvorgangs, befreit von Nebenrücksichten, gleich-
sam in Reinkultur zu beobachten. Tiefer als das Problem des produk-
tiven Faktors, der etwa aus dem veränderten Weltbild des Geistes-
kranken hervorbrechen kann, tiefer als das Problem: »Schizophrenes
Weltbild und unsere Zeit« ist die zentrale Frage verankert: dringen wir
etwa an Hand dieser halb sinnlos-spielerischen Produktionen vor zu
dem noch von keinem ästhetischen Wertmaßstab beschwerten Urvor-
gang des Gestaltens — lösen sich von hier aus gesehen die histo-
rischen Fragestellungen der Ästhetik aus ihrer dogmatischen Fesselung
und werden frei? Gelänge es, von einem Nullpunkt des Gestaltens,
der leeren Kritzelei aus, schrittweis die ungeheure Mannigfaltigkeit der
bildenden Künste in ihrer Entfaltung zu zeigen? Die fertigen End-
resultate vom Keim aus zu entwickeln? Hierzu wollte ich mit der »Bild-
nerei der Geisteskranken« den ersten Schritt tun. Und dieses weitge-
spannten Zieles wegen galt es, nicht zu früh feste Formulierungen zu
wagen und galt es vor allem, bequeme traditionelle Wertungen aus-
zuschalten. Das ist aber nur dann möglich, wenn man sie beherrscht
und sich den Blick nicht trüben läßt, sei es ästhetisch durch Fixierung
an ein klassisches, romantisches, impressionistisches oder expressio-
nistisches Ideal, sei es psychopathologisch durch wertendes Wissen
über »gesund« und »krank«, oder schließlich affektiv-weltanschaulich.
Was dann herauskommt, wenn man so unbefangen, sine ira et studio,
in phänomenologischer Grundeinstellung an die Probleme herantritt,
das scheint mir allerdings ein Weg zu neuartigem Erkenntnisbesitz zu
sein, der seine Methode in sich selbst trägt.

Was wir bis heute aus den psychiatrischen Beiträgen zum Problem
des Gestaltungsvorgangs entnehmen und als sicheren Erkenntnisbesitz
den Nachbarwissenschaften anbieten können, ist vorwiegend negativ.
In der Hauptsache ist es die neuerdings sich fester eingrabende Ein-
sicht, daß psychopathologische Maßstäbe als solche niemals wesent-
liche und verbindliche Erkenntnisse über Sinn und Wert des künst-
lerischen Schaffens liefern können, sondern bei solchen mißbräuchlichen
Versuchen stets sich selbst ad absurdum führen: sie beweisen nur die
eigenen (vorausgesetzten) Definitionen der Begriffe »gesund-krank«.
Zweifellos aber können wir auf Grund der neueren besonnenen psycho-
pathologischen Studien in absehbarer Zeit einige wichtige Erkenntnisse
sicherstellen: so die unbefangene Auffassung des Gestaltens als eines
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