Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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WESENSBESTIMMUNG DER ARCHITEKTUR. 77

darstellt, das über das Wesensbereich der Architektur hinausgreift, als
malerisch, d. h. als ein Orenzfall empfunden.

Schließlich hat auch das Häßliche in der Architektur eine andere
Bedeutung, als bei den Bildkünsten. Das Häßliche kann in diesen ästhe-
tisch wertvoll sein, in jener nicht. Wir können die Tragik der Armut
in der Malerei in einer verfallenen Hütte, in schmutzigen, kahlen
Mauern eines Vorstadthauses, in einem widerwärtigen finsteren Hof
darstellen, wir können aber nicht ein solches Haus, einen solchen Hof
als künstlerisch wertvoll bauen. Wollen wir in der Architektur das
Leben armer Leute künstlerisch zum Ausdruck bringen, so können
wir dies nur, indem wir dieses ärmliche Leben positiv werten, etwa
in seiner Einfachheit, Bescheidenheit, Natürlichkeit, in seinem Puritanis-
mus. Ob Hütte oder Palast, Fabrik oder Kirche, wir können architek-
tonisch in ihnen nur das Positive, das Bejahende der Lebens-
funktionen, denen sie dienen, zum Ausdruck bringen.

Damit haben wir bereits gesagt, was allen Erscheinungen, die
wir soeben festgestellt haben, gemein ist.

Im Tragischen, Komischen und Häßlichen handelt es sich stets um
etwas Negatives, etwas, das wir in Wirklichkeit nicht wollen
können, etwas nicht Seinsollendes. Eben dieses Negative scheidet
sie aus der Architektur aus.

Das Wirklichkeitsverhältnis gewinnt damit eine weitere Bestim-
mung. Es ist nicht nur als Darstellungsform, sondern auch für
den Wertmaßstab von wesenhafter Bedeutung. Es ist nicht nur
notwendig, daß wir das architektonische Kunstwerk als Wirklichkeit
auffassen, sondern daß wir es auch als Wirklichkeit werten. Von
diesem Standpunkt können wir dem Gegensatz von Illusion und Wirk-
lichkeit nochmals eine andere Fassung geben: in den Bildkünsten
stellen wir die Natur dar, >wie wir sie sehen, d. h. als
Illusion, in der Architektur, wie wir sie wollen, d. h. als Wirk-
lichkeit.

In der Architektur spricht sich immer ein Beherrschen der Natur
durch den menschlichen Willen aus. Damit erhält der Begriff des
Architektonischen im weiteren Sinne im Gegensatze zum Malerischen
erst jene Bedeutung, die darin gelegen ist, daß wir einen Barockgarten
als architektonisch gegenüber einem englischen Naturpark, der doch
als künstlerisches Gebilde ebenfalls Architektur ist, bezeichnen.

Es wurde im Vorhergehenden versucht, die grundlegende Bedeu-
tung des Wirklichkeitsverhältnisses für das Wesen der Architektur zu
erweisen. Es wäre interessant zu untersuchen, wie weit dieser kate-
goriale Begriff auch für die musischen Künste, vor allem für das
Verhältnis vom Tanz zum Schauspiel, sich als fruchtbar erweist.
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