Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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ORNAMENT UND TRAGER. 89

Gestalt seines Trägers bezieht, wird sofort klar, wenn wir die frühesten
Entwicklungserscheinungen betrachten. Die älteste Gefäßverzierung, die
wir überhaupt kennen, die der sogenannten älteren Muschelhaufen-
keramik, besteht aus einer Reihe von Fingerspitzeneindrücken in dem
Mundsaum: die gleichen Finger, die das Gefäß aufbauten, besorgten
auch dessen Ausschmückung. Und zwar handelt es sich hierbei um
eine Grenzbezeichnung, um ein Randornament; diese Finger-
tupfen bezeichnen den oberen Abschluß des Gefäßes. Aber sie tun
noch mehr, sie bezeichnen nicht nur die obere Formgrenze, sondern
auch die Stelle, wo in einem natürlichen Querschnitt durch das Gefäß
das Auge am meisten dazu gereizt wird, die gleichmäßig in sich zurück
verlaufende Rundung der Gefäßwand in den wagerechten Zonen mit-
zumachen. Aus dieser Beziehung des Ornaments zu seinem Träger
versteht sich nun ohne weiteres die regelmäßige Anordnung, die
Reihung dieser Fingertupfen: wären sie in unregelmäßigen Gruppen
zerstreut, so würde das eine unregelmäßige Verteilung der Akzente,
eine geflissentliche Bevorzugung gewisser Teile vor den anderen be-
deuten, welche gar nicht in der Struktur des Gefäßes begründet liegt;
der ungleichmäßige Verlauf der Tupfenkette würde auf Unregelmäßig-
keiten in dem Gefäßumlauf schließen lassen, welche gar nicht vor-
handen sind. Wir haben genau den gleichen Fall vor uns wie bei
der straff anliegenden Halskette aus Perlen, Beeren, Muscheln des
Körperschmucks: der schon in der Form des Trägers vorhandene,
»latente Rhythmus« bedingt auch die Rhythmisierung, in diesem Fall
die Reihung der ornamentalen Glieder.

Der ausgebildete neolithische Stil ersetzt die gewissermaßen amor-
phen Fingertupfen durch ein exaktes, mittels besonderer Instrumente
eingeritztes oder eingestochenes Ornament. Bei den sogenannten >Ur-
bechern« (Kossinna) handelt es sich zunächst um ein vervielfachtes
Randornament, dann treten zu diesen wagerechten Randketten senk-
rechte Strichbündel, die nun nicht den wagerechten Umlauf der Gefäß-
wand, sondern die senkrechte Erhebung, hier des Becherhalses, be-
tonen. Hiermit ist schon die Grundlage dieses Horizontal-Vertikal-
Systemes grader Linien angedeutet, auf dem die gesamte neolithische
Gefäßverzierung beruht, und das die Gefäßstruktur wie in den wich-
tigsten Um- und Aufrißlinien vor Augen führt. An den Trichterrand-
bechern der Dolmenkeramik breitet das Ornament sich aus: es wird
nicht nur der äußere sondern auch der innere Rand, die Teilungslinie
zwischen dem Trichterrand und dem kugeligen Behälter markiert, von
dieser Halskette verlaufen wieder die senkrechten Aufrißlinien bis zum
Boden des Gefäßes und begleiten durch ihr leichtes Divergieren und
Konvergieren zugleich dessen Ausweitung und Einziehung. Eine wich-
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