Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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DIE GRUNDKRÄFTE DES EXPRESSIONISMUS. H7

Die Architektur zeigt, obwohl sie ja unter wesentlich anderen Be-
dingungen steht, eine recht verwandte Entwicklung. Auch hier stand
eine Zeitlang das Ausdrucksvolle im Vordergrund des Interesses, der
Baukörper wurde wie in der Plastik als Raumgebilde entfaltet, das
über sich hinaus in die Zone eines wesenhaften Gefühles weist. Das
weicht aber einer rein konstruktiven Einstellung, die viel mehr auf die
engste Anpassung aller Formen an den Bauzweck unter äußerster
Ausnutzung aller technischen Hilfsmittel bedacht ist, einer Richtung,
der bisher freilich Maschinenhallen und Schornsteine in weit höherem
Maße gelungen sind, als Häuser für lebende Menschen.

Auf literarischem Gebiet liegen die Probleme noch verwickelter.
Der Wortsinn als das Grundmaterial jeder Gattung von Literatur ist
viel weniger in der Hand des Dichters, als etwa die Farbe in der
Hand des Malers. Die dem Leben dienende Sprache gibt den Worten
einen lebensnahen, also sozusagen extrem naturalistischen Sinn, der
auch dort auftritt und mitwirkt, wo die Absicht des Künstlers auf
ganz unnaturalistische Ziele gerichtet ist. Das stilistisch Prägnante steht
gewissermaßen immer zwischen den Zeilen. Dazu kommt, daß die Lyrik
ja schon immer höchste Gefühlsekstase gab und das Drama auch im
Expressionismus mit lebenden, somit naturalistischen Menschen zum
mindesten als Darstellungssubstrat rechnen muß. So daß also der
Expressionismus in der Literatur aus der Natur der Sache eine große
Dämpfung erleidet. Immerhin gibt es einige Annäherungen an die
Ideen, die sonst in der expressionistischen Kunst hervortreten und
als den Versuch einer solchen Annäherung muß man auch den Da-
daismus bezeichnen, der sich auf das rein Phonetische zurückzog und
dadurch mit der gegenstandsfreien Malerei und Plastik in Parallele zu
setzen ist, soweit er nicht nur kunstpolitischen Absichten diente. —
Auch in der Literatur macht sich jetzt wieder das Streben nach einem
ruhigen, sachlichen, von naturalistischem Psychologismus wie von
ekstatischen Eruptionen gleich weit entfernten Stile geltend.

Wenn sich nun wohl der Expressionismus in der Kunst zumal in
der Malerei am besten fassen läßt, so ist er doch als eine geistige
Bewegung anzusehen, die auch die übrigen Gebiete des Lebens zu
durchdringen bestrebt ist. Freilich lassen sich die Realitäten des Lebens
nicht recht verleugnen, auch ist im ganzen des Lebens die historische
Schichtung eine viel zu uneinheitliche, zu verschiedene Entwicklungs-
phasen treffen durch die Verschiedenheit der Lebenszonen im selben
Zeitpunkt zusammen. Der Marxismus mit seiner ganz wider-expressio-
nistischen Grundidee wird doch von expressionistisch Wollenden
enthusiastisch weiter getragen, und nur das Zerstörende, Bindungen
zerreißende, Unstete, jede Anschauungsmöglichkeit Duldende des Ex-
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