Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

Page: 153
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak19_1925/0160
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
DER CHARAKTER DES KÜNSTLERS. 153

mittein ihm sensationelle räumliche Anschauungen. Der Dichter ist
durchaus ein autochthoner Raumkünstler, ein Anschauungskünstler,
dessen Gegenstand und eigentlicher Zuhörer immer nur Gott im Raum
ist, von dessen zeitlosem Schicksal er handelt. Was wir aber als
Schicksal begreifen, Menschenschicksal, Einzelgeschick, Geschehen an
dem einen vorübergehenden Geschöpf, das sich im Geschehen des
andern vorüberziehenden Geschöpfes spiegelt, es anzieht oder ablenkt,
es verfinstert oder verWärt, das alles ist echte räumliche Relativität, die
wir als Nacheinander, als Zeit, als Abwicklung empfinden, weil wir
nur einen Standort haben — nämlich unsern vergänglichen. Dich-
tung aber ist die immer gleiche Stimmung des Weltgeistes, aus welcher
er, auf dem Weg schöpferischer Anpassung, die Vorstellungen seiner
Entwicklungserscheinungen hervorbringt. Aus dem Wissen um dies
Grundverhältnis haben alle großen Dichter ihre Dichtungen geschöpft,
die nicht Bestandteil einer Zeit, sondern Tropfen aus dem Meer der
Unermeßlichkeit sind, wandelnde Gebilde im Raum, deren Zahl keines-
wegs beliebig vermehrbar ist, sondern die einer strengen Gesetz-
mäßigkeit unterliegt wie alle Raumerscheinungen. Wären es Zeiter-
scheinungen, so hätten wir längst unabsehbar viele dichterische Typen.
Sie sind seit den ersten Tagen des dichtenden Geistes die gleichen
geblieben, und diese Beschränkung teilen sie mit allen Urerscheinungen.
Unbeschränkt sind nur die Beziehungen und Beleuchtungen, in die sie
treten. Unbeschränkt sind vielleicht die Möglichkeiten ihrer Assozia-
tionen. Und unbeschränkt sind hoffentlich die Möglichkeiten für eine
individuelle und Volkswesenheit, aus einem Zusammenbruch durch das
Mittel der dichterisch-prophetischen Selbstgestaltung die eigene Neu-
schöpfung zu veranstalten.

Aussprache.

Erich R. Jaensch.

Ein Gegensatz zwischen Strukturpsychologie und Typenanalyse besteht nicht.
Nur bei der vergleichenden Betrachtung verschiedener Typen und verschiedener
geistiger Welten ist ein Eindringen in das zur Behandlung stehende Problem mög-
lich. Dies ist der Vorzug der Psychologie gegenüber der reinen Phänomenologie.
Lipps z.B. war in der Betrachtung der Künste anseinen Typus gebunden; auch der
schaffende Künstler ist es in der Ausübung.

Schlußwort.

Emil Utitz: Die Beziehungen zwischen Ästhetiker und Künstler waren bisher
nicht die besten. Erst wenn wir uns der Unterschiede zwischen beiden bewußt sind,
ist eine Diskussion fruchtbar.

Die Bemerkung von Jaensch hat aufs neue gezeigt, daß die Beziehungen zwi-
schen geisteswissenschaftlicher Philosophie und Psychologie jetzt inniger sind als
noch vor wenigen Jahren, eine Tatsache, die Utitz mit Freude begrüßt.
loading ...